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Blog 2016

20.11.2016

Opfer wider Willen – Natascha Kampusch schreibt über ihr Leben zehn Jahre nach ihrer Selbstbefreiung / Ein Kommentar

,Du bist ein Opfer, weil wir das so wollen!‘ – diesen Gedanken hatte ich ganz oft, als ich das zweite Buch von Natascha Kampusch »10 Jahre Freiheit« las. Genauso oft dachte ich: ,Ja, stimmt.‘ oder ,Diesen Eindruck habe ich auch.‘ Aber letztlich führte dieses viele Kopfnicken und Seufzen zu jenem Gedanken, der mich stets beim Schreiben meiner Jugendbücher begleitet: ,Das ist alles kein Quatsch, das ist alles kein Hirngespinst, das ist alles das, was ganz genau so vor unseren Augen geschieht.‘

Es wird aber so gerne weggesehen und viel lieber der Mund gehalten. Oder man will es eben nicht wahrhaben, selbst wenn die Beweise erdrückend sind. Wenn dann noch ein Opfer aus eigener Stärke heraus sich von den Fesseln seiner Unterdrückung befreit und ein neues, freies und selbstbestimmtes Leben beginnt, scheint es für viele Menschen nicht zu akzeptieren, nicht auszuhalten zu sein. Wahrscheinlich weil sie ihrer eignen Schwächen bewusst sind. Sie selbst hätten die Jahre im Verlies vielleicht nicht überlebt. Hätten sich nicht wie Natascha Kampusch im dem Maße entwickelt, dass sie irgendwann über dem Täter gestanden und dessen Fehler sich zu Nutze gemacht hätten. Um dann schließlich im passenden Moment in die Freiheit zu laufen. Natascha Kampusch hat das geschafft. Weil sie bereits als Kind eine starke Persönlichkeit hatte und sich selber damals schon so gut kannte, dass sie all den Schrecken auszuhalten vermochte.

Ich glaube einfach, die meisten Menschen können das nicht. Sie erkennen Natascha Kampusch als eine der Anderen und eben nicht als eine der Ihren. Deshalb muss die Außenseiterin Kampusch denunziert und verleumdet werden. Sie muss selbst für ihre Entführung gesorgt haben, sie muss ein Kind bekommen und getötet haben und sie muss ihre Zeit beim Täter Priklopil genossen haben, denn wie hätte sie sonst so offensichtlich unbeschadet die Zeit bei ihm überstehen können. Verweise auf Zeitungsartikel, auf Kommentare in den sozialen Netzwerken und auf Fernsehinterviews belegen, was die junge Frau in den letzten zehn Jahren alles auszuhalten hatte. Ich gebe Natascha Kampusch recht, wenn sie schreibt: » ... weil ich einigen Menschen oder Teilen der Gesellschaft unbewusst einen Spiegel vorgehalten habe. Der Blick hinein hat Angst gemacht. Angst vor Abgründen, vor Verdrängung, aber auch vor dem Zulassen von Stärke und Schwäche.« Damit hat sie etliche Menschen provoziert und ist zudem eben nicht in die Opferrolle zurückgefallen, in der sie einige gerne sehen würden. Natascha Kampusch hat aber gerade wegen ihrer starken Persönlichkeit überlebt. Man sollte sie bewundern und nicht verachten.

Ich habe bereits viele Bücher gelesen, in denen Opfer über ihre Erlebnisse berichten. Und es sind genau diese Berichte, die das Unzumutbare aus dem Kellerloch ans Tageslicht bringen und uns ungeschönt das vor Augen führen, was wir doch alle längst wissen. Es muss ganz einfach die Angst vor der Wahrheit sein, wenn einige Menschen sich über das Veröffentlichen dieser Grausamkeiten aufregen. Aber ich finde es richtig und auch wichtig, sich mit den Schattenseiten in der Gesellschaft auseinanderzusetzen.



12.05.2016

Es war einmal vor langer, langer Zeit, da gab es etwas, das nannte man Kundenfreundlichkeit

Der Kunde ist König – von mir kann ich sagen, das habe ich nie erlebt. Selten sehe ich freundliche Züge in den Gesichtern der Angestellten, die bei ihrer Arbeit direkt mit Kunden in Kontakt treten. Zuvorkommenheit ist offensichtlich etwas Fremdes, vielleicht sogar etwas Ekelerregendes, das von einem weggestoßen werden muss – es könne ja ansteckend sein. Man begegnet dem Kunden lieber mit Argwohn und Missgunst. Häufig lese ich es in den Blicken der VerkäuferInnen, KellnerInnen usw., den sogenannten Service-Kräften: »Ach, was wollen Sie denn hier? Muss das jetzt sein? Hätten Sie nicht wegbleiben können?«

Dazu möchte ich über ein paar Momente aus meinem Leben berichten und beginne mit der Deutschen Post. Vielleicht kennt der eine oder andere das ja selbst. Geduldig steht man in der Schlange vorm Schalter, das Paket, fest unterm Arm geklemmt, wird immer schwerer. Hinter einem steht einer der Ungeduldigen, der fortwährend schniefen und sich räuspern muss, weil er scheinbar nur so mit der eintönigen Warterei umgehen kann. Vor einem in die Breite verquollen eine Frau, die das letzte Mal bei ihrer Taufe mit Wasser in Berührung kam und sich zudem ständig umdrehen und wie ein Huhn Ausschau halten muss, was denn für Leute in der Schlange stehen. Unzählige Beispiele hätte ich parat ... Ich sollte mal ein Buch darüber schreiben.
Und als ob diese Erfahrungen, diese sich ins Gedächtnis einnistenden und manchmal als widerlich empfundenen Zusammentreffen mit Menschen, nicht schon genug wären, kommen die sich abermals immer wieder in Erinnerung rufenden Begegnungen mit denen, die hinterm Schalter stehen, noch dazu. Hier hat die Freundlichkeit das Ausschlussverfahren nicht überstanden – so viel steht fest. Ich stelle also mein Paket auf die Ablage und werde sofort ermahnt, ich hätte es doch gleich auf die Waage stellen können. Das macht die Postangestellte dann selbst und zieht dabei ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter. Weil ich anschließend nicht schnell genug bezahle, erreichen ihre Mundwinkel beinahe den Fußboden. Mir geht das natürlich auf die Nerven. Deshalb sage ich demonstrativ: »Dann noch einen schönen Tag. Auf Wiedersehen.«, schaue der Frau dabei direkt in die Augen und lächele zudem noch, und nicht mal gekünstelt. Bei meinem Gegenüber ist das Maß voll und mir flattert ein abfälliges Zischen entgegen.
Im Vergleich zu anderen Erlebnissen ist dieses Beispiel aber eher harmlos, da zwischen mir und der Postangestellten kaum ein Wort gewechselt wurde. Als Kunde begrüßt zu werden, ist ja sowieso schon gänzlich eine Seltenheit geworden, die einem Sechser im Lotto gleicht. »Guten Tag.« oder auch »Hallo.« als anstandshafte Floskeln sind anstandslos versenkt. Wie leichter würde es aber dem Dienstleister fallen, wenn man eine Begegnung mit einem Kunden mit einer netten Begrüßung beginnt? Dazu noch ein freundliches Lächeln und schon fällt einem der ungeliebte »Dienst« am Kunden leichter. Oder nicht? Was habe ich mir nicht schon alles anhören müssen. »Das haben Sie falsch gemacht! ... Liegt Schottland in Europa? ... Na, was soll das denn jetzt? Entweder Sie verschicken es als Päckchen oder Maxi-Brief. Das müssen Sie doch selber wissen. ... Ach, Sie haben heute aber viele Büchersendungen. Haben Sie etwa einen Großauftrag? ... Moment, ich muss erst tippen.« ... Ich sollte mal ein Buch darüber schreiben.

Ganz spannende Erfahrungen habe ich aber in Cafés und Restaurants gemacht. Deshalb setze ich mich mittlerweile ganz ohne Erwartungen an einen Tisch und lasse mich einfach überraschen. Zwei Beispiele, die ich hier erwähnen möchte, erlebte ich aber zusammen mit einer Freundin. Über Erlebnisse, die ich alleine machte, werde ich in einem anderen Blog-Beitrag schreiben. Eine Freundin und ich gehen also die Neue Strandstraße in Zinnowitz entlang und bei schönem Wetter entscheiden wir uns, bei einem Café draußen Platz zu nehmen. Gerade als wir uns setzen, bedient eine Kellnerin einen Gast am Tisch gegenüber. Wir sind uns sicher, wahrgenommen zu werden, zumal die Frau an uns vorbeigehen muss, als sie zurück ins Café geht. Manchmal ist es ja so, dass man von drinnen schlecht das Geschehen im Außenbereich erkennen kann. Daher machen Kellner auch ab und zu eine Stippvisite, zumindest sollten sie es. Trotzdem – wir warten und warten und es passiert nichts. Wir fragen uns, woran das liegen könne und stellen folgende Thesen auf: die Kellnerin bedient uns nicht, weil wir keine Männer sind, oder weil sie uns einfach doof findet und der Chef nicht da ist. Der Mann am Tisch gegenüber grinst vor sich hin, weswegen wir uns für die erste Vermutung entscheiden. Wir beide haben einfach nicht die passenden Voraussetzungen, für vermeintlich spätere Unterhaltszahlungen sorgen zu können und verlassen das Café.
Mit einer anderen Freundin, in einem anderen Café und in einem anderen Ort habe ich erlebt, wie man so schnell wie möglich seine Gäste loswerden möchte. Zumindest kam es uns so vor. Wir haben uns gerade hingesetzt, da werden wir schon gefragt, was man uns bringen kann. Zuvor begrüßt wurden wir nicht und Tee und Milchkaffee werden erst nach erneutem Nachfragen gebracht. Irgendwie seltsam, oder? Wir unterhalten uns und unterhalten uns, denn wir haben uns lange nicht gesehen und daher viel zu erzählen, womöglich zu lange für die Bedienung. Man schleicht regelrecht um uns herum, schaut mehrmals zu unserem Tisch. Wir versuchen aber den Nachmittag zu genießen und tun so, als würden wir diese Ungeduld, die über unseren Köpfen schwebt, nicht bemerken und bestellen erneut. Dieses Mal geht es verdammt schnell und die Kellnerin beginnt zudem, die vertrockneten Blätter der Mini-Gestecke auf den Tischen zu entfernen. Meine Freundin fragt die Frau, ob sie das Café schon schließen würde. Die Kellnerin verneint, dreht sich weg, ohne sich weiter zu erklären und widmet sich weiter der Tisch-Dekoration zu – einer Arbeit, die man eigentlich nicht vor den Augen der Gästen macht. Dazu muss ich selber kein Gastronom sein, aber ich könnte ja mal ein Buch darüber schreiben.

Ein sehr dreistes Erlebnis, wie ich empfand, hatte ich erst vor ein paar Tagen, als ich in einem Geschäft meines Mobilfunk-Anbieters ein neues Handy abholen möchte. Zuvor erhielt ich per SMS eine Nachricht, dass mein neues Handy schon auf mich warten würde. Im Laden aber versuchte eine Angestellte, ihr schauspielerisches Talent unter Beweis zu stellen. Sie versagte kläglich, was mich, ich muss es leider zugeben, sehr gefiel und ich amüsierte mich prächtig. Mittlerweile begegne ich solchen Dreistigkeiten immer etwas zynisch, denn es macht auch Spaß, Menschen zu durchschauen. Ich sage der Frau, dass ich aufgrund meiner Vertragsverlängerung ein neues Handy haben möchte. Zuerst wird mit meiner Telefonnummer und meinem Kennwort überprüft, ob das auch möglich ist – alles noch okay. Dann fragt mich die Frau, ob ich bei mir zu Hause Zugang zum Internet habe. Mir huscht ein erstes Lächeln übers Gesicht. Ich bejahe und erkläre, nachdem ich gefragt wurde, wie viel ich denn bezahle, nicht viel zahlen zu müssen und dass ich nur gekommen sei, um mein neues Handy abholen zu wollen. Offensichtlich interessiert es der Angestellten nicht, denn sie wendet sich von mir ab und beginnt zu rechnen. Ich muss grinsen, rolle mit den Augen und richte meinen Blick auf einen anderen Angestellten, der Sekunden zuvor mit einem Kunden im Schlepptau hilfesuchend zu einer Kollegin marschiert ist, die dann seine Arbeit macht und den Kunden zufrieden stellen kann.
Kennt ihr das auch? Dass ihr eigentlich mit jemandem im Gespräch seid, aber dennoch mitbekommt, was neben euch abläuft? Funktioniert bei mir ständig. Da denke ich immer an Fledermäuse, deren Fiepen von ihrer Umgebung reflektiert wird und sich die Tiere so orientieren können. Als hätte ich ein Radar im Kopf und nehme deshalb leider manchmal auch viel zu viel wahr.
So wie dieser Typ, der dann, nachdem der Kunde das Geschäft verlassen hat, weil er noch mit seiner Frau über den neuen Tarif sprechen muss (auch so ein Thema über das ich mich in einem anderen Blog-Beitrag auslassen werde), auf einmal zu tanzen beginnt. Die Beschallung im Hintergrund lädt ja auch so sehr dazu ein. Es liegt wohl eher an einer möglichen Provision bei erfolgreichem Vertragsabschluss, den er nur durch die Hilfe seiner Kollegin erreicht hat und auch nur wenn die Frau des Kunden ihren Segen dazu gibt.
Ich muss mich zusammenreißen und widme mich wieder der Angestellten zu, die sich um mich kümmern soll. Die rechnet noch und ich denke mir, das, was du hier gerade erlebst, das schreibst du mal auf. Ich schaue mir die Handys, die im Angebot sind, etwas genauer an und überlege schon, welches ich mir aussuchen werde. Als die Frau fertig ist, sagt sie mir natürlich einen Monatsbeitrag, der meinen jetzigen weit übersteigt. Ich nicke, lächele und sage freundlich aber bestimmt, ich hätte bereits wiederholt erwähnt, ich wolle keinen neuen Tarif, sondern nur ein neues Handy. Da wird die Frau auf einmal ganz ungehalten und zischt, sie habe dann nur die beiden folgenden Modelle zur Auswahl. Sie zeigt auf die Handys, die in meine engere Wahl fielen. Ich muss mein Grinsen unterdrücken und erkläre, mir würden die Modelle nicht gefallen und verlasse das Geschäft.
Beflügelt von der Tatsache, dass ich mir keinen teuren Tarif habe aufschwatzen lassen und diese dreiste Angestellte sogar mit nichts habe stehen lassen, schlendere ich die Geschäftsstraße entlang und sage mir, es gibt ja noch andere Geschäfte.

Den Super-Gau an Unverschämtheit habe ich aber in den letzten Wochen in der Regionalbibliothek Neubrandenburg erlebt, was mich dazu veranlasste, nur noch digitale Medien über die Onleihe MV zu lesen. Seitdem die Bibliothek wieder in das sanierte Haus der Kultur und Bildung (HKB) am Marktplatz gezogen ist, können Kunden Bücher am Selbstverbucher ausleihen und zurückgeben. Das sind Automaten, an denen man mit gültigem Benutzerausweis Print-Medien selbst verbuchen kann. Davon gibt es insgesamt drei, zwei im Erdgeschoss und einem im Untergeschoss. Beim Selbstverbucher im Untergeschoss können Bücher nur entliehen und die Leihfrist verlängert werden. Jetzt würde sich jemand vom Bibliothekspersonal wahrscheinlich angepisst fühlen, wenn er oder sie das liest und sagen: »Na, es gibt ja noch den Rückgabe-Automaten an der Rückseite der Bibliothek. Dort können Sie die Bücher rund um die Uhr zurückgeben.« Ja, bisher kam es ja auch noch nicht so häufig vor, dass er ausgefallen ist. Dass sich manchmal lange Schlangen an den Selbstverbucher bilden, muss ich nicht erst erklären. Aus diesem Grund bin ich anfangs immer noch zum Service-Schalter gegangen und habe dort Bücher ausgeliehen oder zurückgegeben. Vor ein paar Wochen hieß es dann: »Na, beim nächsten Mal gehen Sie aber auch zum Automaten.«
Mal ganz abgesehen davon, dass von all den Angestellten, mit denen ich dort mal zu tun hatte, mir gerade mal zwei Personen einfallen, die nett und freundlich sind, hätte ich in diesem Moment am liebsten gesagt: »Sie sollten froh sein, dass ich nicht Ihre Chefin bin. Sie würden hier nicht mehr arbeiten.« Das Erste, was man als Kunde sieht, wenn man über den Haupteingang in die Bibliothek kommt, sind die muffelig dreinblickenden Gesichter der Angestellten am Service-Schalter. Da möchte man doch gleich wieder gehen. Dazu das ständige Gequatsche der Frauen. Ihre Blicke sagen einem unverhohlen: »Wage es ja nicht hierherzukommen! Wir sind beschäftigt.«
Das Mal darauf, ich hatte wieder das Pech, nicht an eine der beiden Netten zu geraten, nimmt die Angestellte meine Bücher von der Ablage, steht auf und befiehlt: »Wir gehen jetzt mal zum Automaten. Ich zeige Ihnen, wie das geht.« Nicht zu fassen, oder? Ich erwidere noch, ich habe immer gedacht, die Automaten seien ein zusätzlicher Service, den man benutzen kann, wenn am Service-Schalter zu hoher Andrang wäre. Schnippisch entgegnete die Frau, dass das jetzt anders ist. Aha! Am Automaten dann der nächste Seitenhieb. Über einen Touchscreen, der sich selbst erklärt, wird die Maschine bedient. Die Frau ist ganz überrascht, dass ich die Anweisungen befolgen kann, und sie fragt mich, ob ich das schon mal gemacht habe. Ich antworte: »Nein, ich kann aber lesen.«
Vielleicht hat die Frau geglaubt, ich sei zu dumm, den Selbstverbucher zu benutzen oder hätte Angst vor ihm. Sicher ist aber, dass die Frauen am Service-Schalter ihre Ruhe haben wollen. Nichts für ungut, aber wenn die Arbeit der Verbuchung von Medien nur noch von Automaten gemacht werden soll, dann fällt ein großer Anteil an Arbeit für die Angestellten weg. Es erfordert schon eine große Anstrengung sich zusammenzureißen, wenn man in der Schlange steht und sieht, wie die Frauen am Schalter quatschen oder so tun, als hätten sie viel zu tun, indem sie fieberhaft auf ihre Maus drücken und auf dem Bildschirm starren. Spielen die vielleicht Solitär?! Ich habe nicht erst eine Fortbildung zum Xpert Business Master machen müssen, um zu wissen, dass zu viele Angestellte für ein Unternehmen unwirtschaftlich sind. Das bisschen Bibliotheksausweise ausstellen, Gebühren kassieren und Kunden bei ihrer Recherche helfen, schafft auch weniger Personal. Ich sollte mal ein Buch darüber schreiben.

Woran liegt es also, dass einige Dienstleister so schlecht gelaunt, faul und unverschämt sind? Weil sie es können! Kann das wirklich so sein? Ja, denn was würde denn schon groß passieren, wenn der Arbeitgeber seinen Angestellten aufgrund seines Benehmens gegenüber Kunden oder anderen Kollegen entlässt? Heutzutage nichts Schlimmes mehr, nichts, was einem die Karriere ruiniert, das Leben versaut oder sogar den Hungertod beschert. Deutschland ist ein Sozialstaat geworden und das im besten Sinne für die, die locker und leicht durchs Leben gehen wollen. Warum solle man es sich auch schwer machen und sich ständig dem beugen, das einem von Natur aus widerstrebt? Freundlich, höflich und zuvorkommen zu sein – das hat man oder hat man nicht. Wenn man es denn nicht hat, kann man es lernen oder von vorneherein ablehnen. Ich bin einfach so wie ich bin. In Zeiten der Authentizität ist das keine Seltenheit. »Na, dann gehen Sie doch, wenn Sie ein Problem haben. Sie müssen mich ja auch nicht nett finden. Dann finden Sie mich eben unverschämt, ist mir doch egal.« Ein anderer Grund ist ein noch viel schlimmerer, wie ich finde. Kontakt mit dem Kunden bedeutet auch Macht zu haben. In dem Augenblick wenn der Kunde etwas vom Dienstleister verlangt, etwas kaufen oder auch nur wissen will, ist er der Willkür des Gegenübers ausgeliefert. Heutzutage ist das leider so, oder wie man so schön sagt – am längeren Hebel sitzen.

Fairerweise sollte ich hier noch ganz klar sagen, dass es in Neubrandenburg und auch woanders in Mecklenburg-Vorpommern (oder von mir aus auch auf der ganzen Welt) sehr nette Menschen im Dienstleistungsbereich gibt. Nach meiner Auffassung sind es aber zu wenige, und die Wenigen werden immer weniger. Hier kann nicht gelten – weniger ist mehr!



13.04.2016

Keine Ahnung, warum ich ohne Scheuklappen durchs Leben gehe – Meine Erlebnisse in dreißig Minuten Zivilisation

Schon so oft hörte ich die Worte: »Na, dann schreib es doch auf, schreib es doch auf ...« Und jedes Mal, wenn mir wieder etwas auffiel, von dem ich wusste, dass es mich tagelang beschäftigen würde, dachte ich sie, diese Worte. Sie erscheinen mir vor meinem geistigen Auge, kleben an mir wie mein Schatten. Sie schlafen mit mir ein und wachen mit mir auf. Aber wenn ich nun immer aufschriebe, was mir auffiele ...? So hätte ich wohl kaum zu etwas anderem noch Zeit. Ich müsste mich verstecken, weit weg von der Zivilisation und fern in der Wildnis. Dort würde ich auch schreiben, sicher würde ich das. Doch wären es andere Worte, die sich aneinanderreihten. Worte der Farben und Elemente, das Geräusch der Stille – man könnte mal in Ruhe nachdenken. Zumindest stelle ich es mir so vor ... nur muss ich jetzt schon wieder an das denken, was ich gerade erlebt habe. Und ich bilde mir ein, dass wenn ich erst mal meine Dosis täglicher Zivilisation niedergeschrieben habe, ich mich dann auf meine Wunschgedanken konzentrieren kann. Hier jetzt also mein Versuch, schlechte Gedanken loszuwerden.

Es ist Samstag. Gegen 12.30 Uhr verlasse ich meine Wohnung und habe nichts weiter vor, als nach meinem Postfach im Marktplatz Center zu sehen. Da ich mich etwas bewegen möchte, mache ich einen kleinen Umweg und gehe in Richtung des Fritz Reuter Hauses die Pfaffenstraße entlang. Es ist ein warmer Tag im April, und ich genieße die Sonnenstrahlen. Eine Familie steht vor dem Fritz Reuter Haus und bestaunt den Wetterhahn oben auf dem Dach. Er dreht sich mit dem Wind und quietscht ein bisschen. Ich versuche zu erkennen, ob er golden glänzt oder vielleicht sogar bunt bemalt ist. Manchmal lassen sich die Leute ja was einfallen. Wie die Familie schaue ich hoch zum Dach, muss aber plötzlich in Richtung Tattoo Geschäft gegenüber gucken, weil von dort lautes Gerede zu hören ist. Die Familie erschreckt sich wie ich und schaut interessiert dorthin. Wahrscheinlich stellen wir uns die gleiche Frage - Was haben die denn nur? Die zwei Kinder, offenbar Immigranten, reden laut und gestikulieren so wild wie Erwachsene, die sich über irgendetwas echauffieren. Dabei sind sie so sehr in ihr Gespräch vertieft, dass sie nicht mitkriegen, wie seltsam ihr Verhalten auf die Familie wirkt. Vermutlich sind es Touristen, denke ich und gehe weiter.

Vielleicht hat die Familie nicht damit gerechnet, auch in Neubrandenburg auf Immigranten zu treffen. Neubrandenburg ist ja schließlich nicht Rostock oder Schwerin. Aber seit letztem Sommer sehe ich täglich Immigranten und oft gefällt mir nicht, was ich sehe. Zudem weiß ich, dass ich nicht die Einzige bin, die so denkt. Denn auch das sehe ich.

An der Konzertkirche vorbei gehe ich weiter, bis ich in die Dümperstraße Richtung Marktplatz Center einbiege. In diesem Moment treffe ich auf zwei Immigranten, junge Männer, die mit Tüten vom Media Markt und Deichmann gerade von dort gekommen sein mussten. Sie verstummen, als sie verstehen, dass ich mir meine Hälfte Fußgängerweg nicht streitig mache.

Bevor ich einem Mann, dem ich ansehe, dass er mein Geschlecht für weniger Wert hält, Platz mache, muss aber noch ganz viel geschehen! Seit letztem Sommer habe ich so viel frauenfeindliches Verhalten gesehen und auch selbst erlebt ... ich sollte mal ein Buch darüber schreiben.

Ich gehe weiter und höre noch, wie beide Männer über mich reden. Ich weiß nicht, was sie sagen, denn ich spreche kein Arabisch. Aber ich weiß, dass sie über mich reden, denn sie sehen mich dabei an, bevor sie ihren Blick abwenden und in die andere Richtung weitergehen.

Minuten später erreiche ich das Marktplatz Center, Drehtür Eingang Süd. Sofort fällt mir eine ältere Frau auf, die mit ihrem Enkel (?) wie ich Richtung Post geht. Sie verschwinden aus meinem Sichtfeld, als ich mein Postfach öffne. Doch plötzlich zucke ich zusammen, als ich sie das Kind anschreien höre und ich schaue zum Geldautomat. In diesem Moment schlägt die Frau dem Jungen ins Gesicht – ein richtiger Klatscher auf die Wange. Ich bin fassungslos und schaue mich um, ob noch jemand anderes so schockiert ist wie ich. Aber ich kann niemanden ausmachen – die Leute sind mit sich selbst beschäftigt oder hatten vielleicht nur kurz registriert, was am Geldautomat vorgefallen ist und sind dann weitergegangen.

Ich schließe mein Postfach ab und gehe auf die Frau zu. Als ich vor ihr stehe, schaut sie mich ganz erschrocken an. Offensichtlich hat sie nicht damit gerechnet, dass jemand sie auf ihr Verhalten anspricht. Ich möchte von der Frau wissen, ob es denn unbedingt nötig war, den Jungen zu schlagen. Sie antwortet, er bräuchte das, anders verstünde er es nicht. Verstünde »was« nicht, frage ich mich und frage die Frau, ob nicht fortwährend gutes Zureden besser wäre. Der Junge heult und steht hinter ihr. Versteckt sich geradezu vor mir. Das finde ich seltsam und ich frage mich, ob der Junge regelmäßig geschlagen wird und bereits denkt, es läge tatsächlich an ihm, wenn sich schon jemand Fremdes einmischt. Die Frau jedenfalls schüttelt mit dem Kopf und beteuert, schon alles versucht zu haben, aber nichts würde helfen. Ich sehe, wie sich ihre Augen röten und verstehe, dass die Frau verzweifelt ist. Darauf weiß ich dann auch nichts mehr und wende mich von der Frau ab.

Ich spüre meine Nase kitzeln und versuche, mich abzulenken, indem ich mir vorstelle, wie ich in den nächsten Minuten im Zeitschriftengeschäft nach der aktuellen Ausgabe von Der Spiegel suchen werde. Auf dem Weg dorthin treffe ich auf eine afrikanische Muslima, die mit einer Hand einen Kinderwagen vor sich herschiebt und mit der anderen versucht, ihr Kind davon abzuhalten zum Springbrunnen zu laufen. Damit Mutter und Kind genügend Platz haben, um miteinander zu kämpfen, weiche ich aus und nehme einen kleinen Umweg in Kauf – so wie es sich in so einer Situation gehört, zumindest habe ich das mal so gelernt. Noch ganz in Gedanken über die Frau mit dem Kind am Geldautomat laufe ich im Zeitschriftengeschäft auch gleich bis nach ganz hinten durch. Dort frage ich mich, was ich überhaupt noch mal wollte und muss erst mal meine Gedanken sortieren.

Wieder Minuten später bin ich mit meiner Zeitschrift in der Tasche unterwegs zum Edeka, denn ich habe vor, mir auf den Schreck mit dem Wangenklatscher, ein Eis zu gönnen. Als ich vor der Eisvitrine stehe, frage ich mich wieder, was ich überhaupt noch mal wollte. Dann mache ich einen Fehler – ich schaue nach links zu dem Schatten, der mich seit ein paar Sekunden beobachtet. Man merkt ja, ob man angestarrt wird. Dieses Mal ist es einer, dem sogar der Mund offen steht, weil er wahrscheinlich bis dato blonde Frauen nur aus dem Fernsehen her kannte. Ich flüchte rechts um die Eisvitrine und tue so, als ob ich dort das passende Eis für mich finden würde. Tatsächlich frage ich mich, ob die Schlangen an den Kassen lang oder kurz sind. Für den Fall, der Typ würde mir bis zur Kasse folgen, wäre es natürlich besser, wenn ich nicht so lange warten müsste. Aber dieser Gedanke war Zeitverschwendung, denn der Mann steht plötzlich neben mir.

Sicher könnte ich darauf hinweisen, dass ich mich belästigt fühle. Aber dann hätte er ja das bekommen, was er wollte – Kontakt. Fairerweise sollte ich hier klarstellen, dass ich generell nicht auf solch plumpe »Kennenlernversuche« anspringe, selbst nicht von Deutschen, mit oder ohne Migrationshintergrund. Nur haben dieser Art Belästigungen in letzter Zeit extrem zugenommen und sie gehen mir unglaublich auf die Nerven. Mal ehrlich, man sieht doch, wie man vom Kulturpark nach Downtown kommt. Für etwas anderes als »You know how to come to downtown, baby!« bin ich da nicht bereit.

Eilig bahne ich mir einen Weg raus aus dem Edeka – zwei Kassen geöffnet, zur Mittagszeit an einem Samstag. »Entschuldigen Sie bitte. ... Dürfte ich vorbei? ... Entschuldigung? ... Danke. ... Entschuldigung. ... Vielen Dank.« Ich gehe Richtung Osteingang zum Marktplatz und mir fällt auf, dass an diesem Tag eigentlich gar nicht so viele Immigranten im Marktplatz Center sind. Manchmal kommt man sich ja vor wie ein Affe im Zoo, so beobachtet wie man sich fühlt. Oder wie es der Schriftsteller Abbas Khider im Spiegel erklärt: »... In »Ohrfeige« vertreiben sich die Flüchtlinge die Zeit in einem Einkaufszentrum, sie sind Zuschauer des Lebens der Deutschen: ›Zu gern wollten wir sein wie sie. Einkaufen, im Café sitzen, Getränke bestellen und mit einer der vielen jungen Kellnerinnen plaudern. Aber wie sollte das gehen? Wir standen mittendrin, und doch waren wir meilenweit von alldem entfernt. Die Einheimischen gingen shoppen, wir wärmten uns am ihren Leben.‹«

Draußen auf dem Marktplatz ist der Grüne Markt zugegen. Frühlingsblumen, frisches Gemüse und geräucherter Fisch. Herrlich – alles Produkte aus der Region. Wäre da nicht auf einmal dieser dämliche Spruch: »Buongiorno, signora.« Ich rede mir ein, dass eine andere Frau als ich gemeint ist und stelle mir vor, wie unzählige Italienerinnen mit mir den Marktplatz Richtung Turmstraße verlassen. Kurz vorm Zebrastreifen drehe ich mich um 90 Grad direkt gen New Brand 'n' Burger und kaufe mir dort einen Burger, statt wie zuvor geplant Eiscreme. Warum? Weil ich beim Verlassen des Marktplatzes auf einmal in zwei finster blickende Mienen älterer Immigranten schaue, die ich in der Turmstraße nicht hinter mir haben möchte. Ich finde, einigen Immigranten sieht man einfach an, wie wenig sie vom Lebens(Kleidungs-)stil westlicher Frauen halten.

Keine Ahnung, wie lange ich mir das noch gefallen lassen werde. Ich weiß nur, dass bei zu vielen Zugeständnissen Frauen immer weiter separiert werden. Da kann man doch nur Feministin sein!



Unverkäufliche Texte von Doreen Gehrke. Die Verwendung dieser Texte, ob nun auszugsweise oder in vollem Umfang, ist ohne schriftlicher Zustimmung von Doreen Gehrke urheberrechtswidrig. Auch eine Übersetzung der Texte sowie die Verwendung in elektronischen Systemen ist strafbar.