0 items / 0.00

Blog 2017

21.05.2017

Wer ist das perfekte Opfer in Gone Girl – Das perfekte Opfer? / Eine Kritik

Ein Buch aus der Fischer Taschenbibliothek hatte ich zuvor noch nicht in der Hand gehabt, deshalb war ich auch ganz verblüfft, als mir auffiel, dass es von der Größe her tatsächlich in eine Hosentasche passen könnte – handlich klein, mit so dünnen Seiten, durch die man zwar durchgucken, aber gut blättern kann.

Gone Girl – Das perfekte Opfer kannte ich zuerst nur als Film mit Ben Affleck und Rosamund Pike in den Hauptrollen. Mir gefiel die Idee der betrogenen und vernachlässigten Ehefrau, Amy Dunne, wie sie ihren teuflischen und von langer Hand ausgeklügelten Plan, ihren Ehemann, Nick Dunne, zu verlassen und ihn zudem als ihren Mörder hinter Gitter zu bringen, in die Tat umsetzt – bis auf die Stelle im Handlungsplot, als Amy Dunne dann zu ihrem Mann zurückkehrt. Da es sich um eine Verfilmung handelt, wollte ich wissen, inwieweit die im Film gezeigten Szenen mit denen im Buch übereinstimmen. Man möge mir verzeihen, dass mir die Autorin, Gillian Flynn, bis vor ein paar Wochen noch völlig unbekannt war.

Während des Lesens habe ich mich oft gefragt, wer von den Eheleuten Dunnes das perfekte Opfer sein soll – Amy oder Nick? Mit Bezug zum Titel Gone Girl denke ich schon, dass die Autorin Amy als perfektes Opfer darstellen möchte. Ich finde, das gelingt ihr aber nicht. Amy als Opfer ist nicht perfekt, weil sich die Protagonistin in ihrem Versteck – diesem Hüttenareal, wo sich nur Loser aufhalten – zu sehr entspannt, Freunde sucht und findet und leider leichtsinnig wird. Hier hätte ich die Figur der rachsüchtigen Ehefrau anders entwickelt, damit sie tatsächlich für die nichtsahnende Öffentlichkeit zu einem perfekten Opfer werden kann. Auch Nick Dunne sehe ich nicht als perfektes Opfer. Es sei denn, er wäre in seinem Wesen wirklich ein langweiliger Mann, so wie er sich selber sieht, und der außerdem keine Affäre mit einer viel jüngeren Frau hätte. Er sei Amy überdrüssig geworden, sie habe sich beengt gefühlt, er habe ihr ihre Freiheit genommen, weil er mit ihr nach North Carthage in Missouri gezogen ist, weit weg von ihrem geliebten New York. Wenn bei diesem Hintergrund Amy ihre Show dann so wie im Buch abgezogen hätte, dann hätte ich Nick Dunne als das perfekte Opfer verstehen können, weil er, nach der ganzen Demütigung und Bloßstellung in der Öffentlichkeit, in die Todeszelle gehen müsste, aber auch nur, wenn Amy nicht zurückkommen würde.

Gillian Flynn entschied, dass Amy zurückkehren muss, weil Desi Collings – dessen Hilfe sie braucht, nachdem man ihre gesamten Ersparnisse gestohlen hat – sie für sich einnehmen und manipulieren will, und von dem sich Amy nicht anders befreien kann, als ihn umzubringen. Desi Collings als Entführer und Vergewaltiger darzustellen, ist Amys Möglichkeit, ihr Verschwinden zu erklären.

Durch Amys Rückkehr fällt der Spannungsbogen der Geschichte aber runter bis in den Keller und mit Blick zum Ende sehe ich nun wirklich kein perfektes Opfer mehr. Vielmehr sind die Eheleute Dunne beide Opfer ihrer Hassliebe und zerstören sich durch ihren unter Zwang gemeißeltes Zusammenleben selbst.

Laut meiner Recherche hat die Autorin, Gillian Flynn, am Drehbuch mitgearbeitet – dies tut einer Verfilmung immer gut und erübrigt die Frage, ob man sich am Handlungsverlauf im Buch gehalten hat.



14.05.2017

Warum Kinder zu haben und Muttersein nicht dasselbe ist / Ein Kommentar

Seit 1923 wird in Deutschland am zweiten Sonntag im Mai der Muttertag begangen – zu Ehren der Mütter und der Mutterschaft. Vorreiter und in die Wege geleitet hat diesen Tag die Frauenbewegung in den USA, wo seit 1914 der Muttertag sogar nationaler Feiertag ist. Wer sich wundert, dass sich gerade Frauenrechtlerinnen für Mütter stark gemacht haben, dem solle endlich mal folgendes klarwerden: zum einen waren und sind nach wie vor vorwiegend Mütter in der Frauenbewegung, die sich für Frauenrechte engagieren und zum anderen – und das ist etwas, das sehr oft aus einem mir völlig unbekannten Grund ausgeblendet wird – Mütter sind auch Frauen.

Können Frauen aber auch immer Mütter sein? Da habe ich in den letzten Jahren so viel gesehen und so viel gehört, dass ich nicht anders kann, als diese These hier aufzustellen: Kinder zu haben bedeutet nicht gleichzeitig auch Mutter zu sein.

Eine Mutter hält die Hand ihrer Tochter fest in der ihren und drückt mit ihrer anderen Hand einen Finger der Tochter so weit nach hinten, dass das Kind laut aufschreit, und das alles nur, weil das Mädchen ihre heiße Schokolade nicht schnell genug austrinkt. Dann eine andere Mutter, die ihrem Kind mit der flachen Hand ins Gesicht schlägt, weil der Junge mault, denn er möchte nicht mit ihr in die Postfiliale gehen und sich in die lange Schlange dort anstellen. Oder einmal im Café, als eine Mutter zu ihrer Tochter sagt, sie sei doof, aus welchem Grund auch immer. Meine Mutter hätte das niemals zu mir gesagt. Ich halte es für wahrscheinlicher, dass ich so etwas oder etwas Ähnliches zu ihr gesagt habe, als ich in der Pubertät war. Daran erinnern kann ich mich aber auch nicht mehr.

Können wir uns denn nicht sicher sein, dass sich aus einer guten Mutter-Kind-Beziehung auch ein guter Erwachsener entwickelt? Und andersherum eben nicht? Doch können wir, denn Erziehung und Zusammenleben formt uns Menschen und wird zum Teil an die eigenen Kinder weitergegeben. Es sei denn, das Kind reflektiert, in welch schlechter Situation es sich befindet und entwickelt seine eigene Persönlichkeit selbst. Das gibt es nämlich auch. Und um das zu wissen, muss ich nicht erst Psychologie studieren – das sehe ich.

Ich sehe eine Mutter mit ihrem kleinen Jungen in einem Schnellrestaurant Fish & Chips essen; sie unterhalten sich, der Junge bleibt die ganze Zeit auf seinem Stuhl sitzen, zum Schluss nimmt er sich sogar eine Serviette und wischt sich damit den Mund ab, und das ohne vorher aufgefordert worden zu sein. In einem anderen Schnellrestaurant sehe ich eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter, wie diese auf ihrem Stuhl steht und mit ein paar Nudeln in der Hand Faxen macht; deren Schuhe liegen unterm Tisch, und die Mutter ist mit ihrem Smartphone beschäftigt. Ich sehe eine Mutter mit ihrer Teenager-Tochter in einem Buchgeschäft und höre, wie beide sich über Fantasy-Romane aus dem Bereich Junge Erwachsene unterhalten. Die Mutter interessiert sich offensichtlich sehr dafür, weil sie genaue Fragen zum Inhalt der Geschichten stellt und legt schließlich fest, dass sich die Tochter zu Weihnachten drei Bücher aussuchen darf, von denen eins aber unbedingt ein Sachbuch als Begleitung zum Schulunterricht sein muss. Und ich sehe eine Mutter und ihren kleinen Sohn, wie sie zusammen Vorlesebücher durchblättern, und der Junge darf dann anhand der Bilder, die ihm am besten gefallen, entscheiden, welches Buch gekauft wird. Und dann sehe ich eine Mutter mit ihrem kleinen Sohn in einem Supermarkt, wie sie sich zwei Frauenzeitschriften aus dem Regal fischt und höre, wie der Junge seine Mutter fragt, ob er eine der Kinderzeitschriften haben darf. Da wird die Mutter ganz aggressiv und meint, dass das völliger Quatsch wäre, denn er könne ja noch gar nicht lesen. Da hätte ich der Frau meine Packung Haferflocken hinterherschmeißen können, wenn mich meine Mutter nicht so gut erzogen hätte.

Natürlich sind das alles nur Momentaufnahmen, weshalb ich eigentlich nicht sagen kann, ob diese Mütter generell schlecht zu ihren Kindern sind und auch nicht, ob sie sich durchweg liebevoll um ihre Kinder kümmern. Außer wenn es um körperliche Gewalt in der Öffentlichkeit geht. Denn wenn eine Mutter wie selbstverständlich ihrem Sohn ins Gesicht schlägt oder ihrer Tochter einen Finger nach hinten drückt – ungeachtet dessen, dass jeder in deren Umfeld das sehen kann – dann hat sie das schon ein paar Male zu Hause gemacht. Davon bin ich felsenfest überzeugt und lass mich auch nicht von dieser Annahme abbringen.

Früher gab es auch Mütter, die ihre Kinder physisch und psychisch misshandelt haben oder auch so sehr streng in dessen Erziehung waren. Es ist aber meinem Eindruck nach etwas neu dazugekommen, was das Wesen einer dieser vielen Möchtegern-Mütter betrifft. Ich finde viele dieser Frauen unreif, lustlos und unachtsam. Oft frage ich mich, warum die unbedingt Kinder haben wollten. Nur um sie zu haben? Des Kindergeldes wegen? Weil sie eine eigene Familie haben wollten, in der sie aber alles besser machen, als es die eigene Mutter getan hat und dann aber sehr schnell feststellen mussten, dass sie überfordert sind und deshalb resignierten?

Vieles wird auf den Stress im Alltag geschoben. Klar, schuld haben immer die Umstände. Wenn aber eben eine diese Möchtegern-Mütter, wie ich sie immer gerne nenne, nun aber einen Kindergartenplatz hat, sogar bis 17.00 Uhr, und zudem noch ganztags arbeiten gehen kann – und solche Fälle gibt es tatsächlich, wenn auch in den Alt-Bundesländern seltener als bei uns Ossis – dann frage ich mich, was die Frau denn für einen Stress hat? Sie hat keinen Stress, sie hat Ablenkung. Man mag sich ja gar nicht vorstellen, wie viele Mütter zur Entspannung Computerspiele spielen. Dann gibt es das Smartphone, die Sozialen Netzwerke, die unzähligen schrulligen Sendungen und Serien, die kompakt nur als Hartz IV-TV bekannt sind. Und wenn eine Mutter sich ablenken lässt, weil sie nicht genügend Selbstdisziplin aufbringen kann, um ihre freie Zeit in die Erziehung ihres Kindes oder ihrer Kinder zu investieren, dann ist sie an ihrer Überforderung nur selbst schuld.

Ich finde, viele Mütter sind auch nicht mehr so bereit, auf Hobbys zu verzichten oder sie einzuschränken. Heute heißt es oft – alles bleibt beim Alten und die Kinder nehme ich einfach mit.

Gut, dass es die meisten Mütter anders sehen und die Mutterschaft als komplett neuen Lebensabschnitt verstehen und auch bereit sind, bis spät in die Nacht die Tochter Vokabeln abzufragen oder sich auch ein Gedicht zum vierzehnten Mal anzuhören.

Selbst einfach nur Interesse an seinem Kind zu zeigen, ist leider keine Selbstverständlichkeit. Ich weiß nicht, wie viele Mädchen und Jungen eine Karte zum Muttertag gebastelt, gemalt oder geschrieben haben, weil sie hoffen, dass ihre Mütter sich darüber freuen können und sie dann vielleicht lieb haben. Aber ich glaube, dass es viele sind.



20.01.2017

Kathrin – Alles, nur nicht arbeiten!

Noch sind es zwei Minuten bis Kathrins ältestes Kind Emilia aufstehen wird. Sie wird ins Badezimmer gehen, sich waschen und sich die Zähne putzen. Zurück im Zimmer wird Emilia sich die Sachen anziehen, die sie sich gestern Abend schon bereitgelegt hat. Die Tür des Kleiderschranks knarrt immer so fürchterlich, sodass sie ihren kleinen Bruder Max, mit dem sie sich ein Zimmer teilt, wecken würde und das möchte Emilia nicht. Sie ist die große Schwester von Leon und Max, die fünf und drei Jahre alt sind. Emilia ist schon acht und geht zur Schule. Sie weiß, sie ist verantwortlich für ihre beiden Brüder. Wieder im Badezimmer wird sie sich noch schnell die Haare kämmen und zu einem Pferdeschwanz binden. An den Seiten steckt sich Emilia immer die roten Haarspangen in die Haare, die sie von Oma geschenkt bekommen hat. Oma sagte, so könne Emilia jeden Tag an sie denken und Oma würde jeden Tag an sie denken, weil sie weiß, dass Emilia ihre roten Haarspangen trägt.

Die zwei Minuten sind um. Emilia rollt sich aus ihrem Bett und erledigt ihre Morgenroutine. Danach weckt sie Leon und Max. Der jüngere von beiden, das kleine Mäxchen, findet es toll, wenn seine große Schwester ihm schon morgens seine Lieblingsgeschichte erzählt. Erst dann steht er auf, keinen Moment früher. Emilia hilft den Jungs im Badezimmer und beim Anziehen. Ihre Taschen packen sich beide selbst. Max ist ganz stolz auf sich, dass er das schon alleine kann. Als alle drei für Schule und Kindergarten fertig sind, geht Emilia in das Schlafzimmer der Eltern und weckt ihre Mutter. Der Vater ist im Moment nicht zu Hause. Er ist Fernfahrer und sieht seine Kinder nur am Wochenende. Aber Emilia sieht er meistens nur kurz am Samstagnachmittag, wenn er nach seiner anstrengenden Arbeit erholt aufgestanden ist. Denn am Sonntag wird sie von ihrem richtigen Vater abgeholt. Darum nennt Emilia den Mann ihrer Mutter auch Andreas und nicht Vater. Max und Leon verstehen das. Ihre große Schwester hat es ihnen erklärt.

Emilias Mutter Kathrin stampft ins Badezimmer. Kurz zuvor hat sie ihre Tochter angeschnauzt, sie solle sich endlich mal angewöhnen, ihrer Mutter nicht ins Ohr zu schreien. Emilia macht sich aus den Worten ihrer Mutter nichts mehr. Sie denkt an ihre roten Haarspangen und geht zu den Jungs in die Küche. Leon hat die Kühlschranktür in der Hand und guckt, ob er etwas zu essen findet. Der kleine Max lehnt verträumt an einem Küchenschrank und wartet, dass es zum Kindergarten geht. Dort gibt es später Frühstück für die beiden Jungs. Emilia weiß, dass ihre Mutter nie einkaufen geht. Deshalb hat sie immer eine Packung Kekse bei sich, die sie mit ihren Brüdern teilt, wenn der Hunger morgens mal ganz groß ist. Heute ist so ein Morgen.

Es sind Oma und Andreas, die mit den Kindern am Samstagnachmittag einkaufen fahren. Die Kinder lieben ihre Oma. Sie hat eigentlich immer kleine Geschenke dabei und nach dem Einkaufen geht es dann noch zu McDonalds oder Burger King. Die Jungs und Andreas halten sich dort meist in der Spielecke auf. Das findet Emilia großartig. So können sie und ihre Oma sich in Ruhe unterhalten.

Leon vernascht gleich drei Kekse auf einmal und steckt sich noch welche in die Tasche. Max ist nicht nach Keksen. Er möchte lieber zurück ins kuschelige Bett und schlafen. Emilia redet ihm gut zu und meint, er könne sich gleich im Kindergarten noch mal hinlegen. Aber Max beginnt zu quengeln und stampft mit den Füßen auf den Küchenboden. Da holt ihm Emilia sein Lieblingsstofftier aus seinem Bett und versteckt es in seiner Tasche. Max und sie haben jetzt ein Geheimnis, das sie vor ihrer Mutter hüten müssen, da diese es ja nicht mag, wenn die Jungs etwas mit in den Kindergarten nehmen. Max ist auch sofort ruhig, denn er hat mit seiner großen Schwester ein neues Geheimnis. Dieses Spiel mag er immer ganz besonders und grinst vor sich hin.

Minuten später steht die Mutter vor den Kindern und fragt, ob alle fertig sind, sie seien wie immer spät dran. Die Kinder nicken. Schuhe haben sie schon an und gehen voraus. Vor dem Haus fegt ihnen ein kalter Wind entgegen und Emilia rückt dem wieder quengelnden Max die Mütze zurecht. »Je mehr wir uns beeilen, desto schneller seid ihr beide im Kindergarten. Dort ist es warm«, sagt sie und nimmt Max an die Hand. So trabt die Familie zum Kindergarten. Emilia mit Max voraus und Leon dicht hinter ihnen. Wenn es kalt ist, macht Leon das immer so. Im Schutz seiner großen Schwester geht es sich einfach besser. Ach, und hinter den dreien etwas abgeschlagen, trottet ihre Mutter hinterher.

Vor dem Kindergarten wartet schon Beate, Leons Erzieherin. Max ist in einer anderen Gruppe. Aber die Sabine, die für den Kleinsten verantwortlich ist, findet Emilia auch ganz nett. Sie ist froh, dass ihre Brüder gerne in den Kindergarten gehen, selbst wenn es ihnen manchmal schwerfällt, so früh aufzustehen. Beate knuddelt die Jungs und fragt deren Mutter, ob sie an den Kuchen denkt, der für die Halloween-Feier am Freitag eingeplant ist. Kathrin nickt und erklärt, dass sie das zeitlich schafft und der Kuchen schon rechtzeitig da sein wird. Emilia guckt verschämt zu Boden und denkt an ihre Oma. Wie immer wird sie und nicht ihre Mutter einen ganz tollen Kuchen backen. Emilia weiß das und Beate weiß das auch.

Die Jungs umarmen ihre Schwester und das Mäxchen gibt ihr sogar einen Kuss. Dann laufen beide mit einem »Bis später, Mutti« in das warme Haus. Emilia und ihre Mutter verabschieden sich von Beate und gehen Richtung Einkaufsstraße. Die Erzieherin bleibt noch eine Weile in der Kälte stehen. Andere Mütter und Väter bringen ihre Kinder in den Kindergarten und Beate könnte sie alle drinnen im Warmen begrüßen. Doch draußen kann sie das sehen, was sie eigentlich nicht sehen möchte. Aber Emilias Vater braucht Augenzeugen, braucht Beweise. Kurz bevor Emilia mit ihrer Mutter in die Einkaufsstraße abbiegt, passiert es auch – ein Fauststoß gegen Emilias Schulter.

Beate sieht, wie sehr die beiden Jungs ihre Schwester mögen und sie weiß, wie sehr sie Emilia brauchen. Jeder sieht das und jeder weiß das, auch deren Mutter. Was soll nur aus ihren Brüdern werden, wenn Emilia zu ihrem Vater kommt, fragt sich Beate, als sie ins Haus geht.

Bäcker Junge ist Kathrins allmorgendlicher Treffpunkt mit ihren Freundinnen. Dort warten sie schon auf sie und winken ihr zu, als sie Kathrin mit ihrer Tochter sehen. Sie umarmt Emilia, gibt ihr einen Kuss auf die Stirn und fragt, ob sie alles dabei hat. Emilia nickt, dreht sich um und läuft wütend weg. Kathrins Freundinnen kennen das schon und als Kathrin bei ihnen sitzt, fragt Melanie sie auch gleich, ob ihre Tochter wieder nicht aus dem Bett kommen wollte. Kathrin zuckt mit den Schultern und erzählt ihren Freundinnen, sie wisse nicht mehr, was sie machen solle. Emilia zicke nur noch rum, maule den ganzen Tag und bringe sie zur Verzweiflung. Die Frauen bedauern sie. Melanie spricht ihr gut zu und sagt: »Das ist nur so eine Phase mit der Kleinen. Wenn die Jungs erst einmal größer sind, dann wird sie schon ruhiger werden.« Kathrin fühlt sich gleich viel besser. Motiviert springt sie von ihrem Platz auf und geht zur Theke, um sich Frühstück zu bestellen. Einen großen Latte Macchiato und einmal Wikinger Pute, Kathrins Lieblingsbrötchen. So beginnt der Tag doch gleich viel entspannter. Keinen Stress am Frühstückstisch, es muss nichts aufgeräumt werden und mit Erwachsenen kann man sich einfach besser unterhalten.

Unterdessen beißt Emilia von der Stulle ab, die ihr ihre Freundin Franziska abgibt, wenn Emilia morgens der Magen knurrt. Die Mädchen treffen sich immer eine Straße weiter. Franzi kann gar nicht glauben, dass Emilias Mutter das ganze Essen, was am Wochenende eingekauft wird, schon die ersten Tage aufgegessen haben soll. Aber sie sieht ja, wie hungrig ihre Freundin manchmal ist und gibt ihr dann gerne ihr Essen. Das fällt Franzi auch leicht, weil sie morgens immer viel zu viel ist, wie sie selber sagt. Aber ihre Eltern stehen extra früher auf, damit sie mit ihr und ihrer Schwester frühstücken können. Da könne Franzi gar nicht anders, als sich den Haferschleim reinzustopfen, den ihr ihre Mutti morgens kocht. Früher war das nicht so. Aber seitdem sie weiß, was morgens bei Emilia los ist und dass sie und ihre Geschwister kein Frühstück bekommen, würgt sie sich den Schleim herunter. Ihre Eltern sind ganz erstaunt, wenn ihre Tochter auch mal eine zweite Portion haben will. Meistens ab Mittwoch. Franzi hat ihren Eltern erklärt, dass sie ab Mitte der Woche immer mehr Power bräuchte, weil sie von den ersten Schultagen schon so gefordert worden wäre. Franziska und Emilia sind beste Freundinnen.

Kurz vor Beginn der dritten Schulstunde verabschieden sich zwei der Frauen von Kathrin und Melanie, denn sie müssen arbeiten. Um zehn Uhr öffnen die Geschäfte in der Einkaufsstraße. Da wird es Zeit, sich auf den Weg zu machen. Kathrin und Melanie wünschen den beiden, dass sie den Tag schnell und gut überstehen. Sie sollen sich nicht von ihren Chefinnen ärgern lassen. Die können froh sein, dass sie sie haben. Melanie flüstert Kathrin ins Ohr: »Oder sie machen krank. Dann guckt Chefin dumm aus der Wäsche.« Beide lachen und sind bereits voll in ihren Element. Die zwei Frauen haben noch gar nicht ganz das Café verlassen, da meint Kathrin zu ihrer Freundin, die beiden seien einfach zu doof, um gelassen durchs Leben zu gehen. »Ja, genau«, stimmt Melanie ihr zu und sagt: »Sie sagen immer, sie brauchen eine Beschäftigung und ein bisschen was für die Rente sei ja auch nicht schlecht.« Sie kichern. »Da fallen mir aber bessere Beschäftigungen ein, als arbeiten zu gehen«, fügt Kathrin hinzu und erzählt Melanie von ihrem neuen Punktestand bei Assassin`s Creed Syndicate, zurzeit ihr Lieblingsspiel mit der XBox One. Melanie ist ein Fan von Soap Operas. Aber nur die amerikanischen, andere könnte man ja nicht gucken. Am besten gefällt ihr How I met your Mother, weshalb sie spätestens um 12 Uhr zu Hause sein muss. Aber bis dahin wird noch gelästert, was das Zeug hält. Jeder Gast, der sich bei Bäcker Junge aufhält, kommt oder geht, ist Zielscheibe ihrer Lästereien. Dabei wissen sie, dass der eine oder andere Gast mitbekommt, wie sie über die Leute herziehen. Es stört sie aber nicht. Nein, selbst dass die Angestellten, die vor deren Augen ihre Arbeit erledigen, hören, wie Kathrin und Melanie über sie denken, ist den beiden völlig egal.

Da betritt eine Frau den Bäcker, die Kathrin bekannt vorkommt. Sie weiß nicht, wie die Frau heißt, aber dass sie in der Straße wohnt, wo ihre beiden Jungs in den Kindergarten gehen. Kathrin stupst Melanie an die Schulter und sagt: »Guck mal, Mel, die Frau, die gerade reingekommen ist. Die da mit dem schwarzen Rucksack.« »Ja, sehe ich. Was ist mit der?« »Na, das ist die, von der ich dir mal erzählt habe. Die Alte, die mich angemacht hat, als die Kleine über ihre Beine gestolpert und hingefallen ist.« »Ach, die ist das?! Na, die sieht ja scheiße aus!«, findet Melanie. Die beiden Frauen kichern.

An der Theke hat sich ein Stau gebildet, weil kurz zuvor eine größere Gruppe von Senioren das Geschäft betreten hat. Sicher eine Reisegruppe, wie Kathrin meint. »Die Alten kriegen ja alle noch gut Rente. Unsere Generation schuftet sich zu Tode und wird nicht ansatzweise so viel ausgezahlt bekommen wie die. Die können shoppen, die Alten.« »Ja, das sage ich dir. Das ist die Kaufkraft schlechthin. Es gibt Leute, die verdienen sogar weniger als welche, die heute eine Mini-Rente kriegen. Und die einfachen Arbeiter, die müssen dann im Alter auf der Straße leben. Das wird so kommen.« »Ja, das ist echt zum Kotzen. Wozu überhaupt noch arbeiten gehen?!« Ein älteres Pärchen, das nur einen Tisch von ihnen entfernt ihren Kaffee schlürft, dreht sich empört um. Die Frau mustert die Freundinnen, runzelt nur kurz mit der Stirn und wendet sich wieder ihrem Mann zu.

»Und weißt du, was deine Busenfreundin so macht? Hat die Arbeit?«, fragt Melanie und zeigt dabei auf die Frau, von der Kathrin gesprochen hat. »Ich habe gehört, sie soll von zu Hause aus arbeiten. Das hätten ihre Nachbarn erfahren, als sie den Vermieter mal gefragt haben. Der wisse aber nicht, was sie macht. Nur, dass die Miete nicht vom Amt kommt.« Beide starren die Frau an. Das bemerkt sie, als sie endlich bedient wird. Die Frau bestellt vier Hansebrötchen und ein Franzbrötchen. »Für die nächsten zwei Tage und das Franzbrötchen zum Naschen«, glaubt Kathrin zu wissen und beide Frauen kichern wieder. Als die junge Frau bezahlt hat und ihre Tüte Brötchen von der Theke nimmt, dreht sie sich zu den beiden Freundinnen und macht demonstrativ eine Handbewegung, die zeigen soll, sie bemerke deren Getratsche. Melanie ahmt die Frau nach und berührt mit ihrem Daumen ihre Finger, immer auf und ab. Die Frau grinst und verlässt das Geschäft.

»Also, das ist ja eine arrogante Kuh!«, zischt Melanie sichtlich verärgert ihrer Freundin zu. »Was glaubt die, wer die ist?« »Na ja, wahrscheinlich denkt sie, sie sei was Besseres. Aber weißt du, wenn die tatsächlich selbstständig ist und von zu Hause aus arbeitet, dann ist sie sicher den ganzen Tag mit ihrer Arbeit beschäftigt. Also, ich habe sie jedenfalls noch nie mit einem Mann gesehen, der sie finanziell unterstützen könnte«, weiß Kathrin zu berichten. »Ach, solche Weiber sind ja noch bescheuerter als unsere beiden Boutiquen-Spezis. Da haben wir es doch viel besser.«

Bis etwa halb zwölf sitzen beide bei Bäcker Junge und spulen ihre Vormittagsroutine ab, ganz entspannt ohne Zeitdruck. Als sich beide überschwänglich verabschieden, flüstert Melanie ihrer Freundin ins Ohr, ihr süßes Geheimnis sei bei ihr sicher. Kathrin und Melanie sind beste Freundinnen.

Zu Hause macht es sich Kathrin im Wohnzimmer auf der Couch gemütlich. Vorher war sie noch schnell im Supermarkt und hat sich etwas zum Naschen gekauft. Das macht sie immer, wenn sie weiß, sie möchte den Nachmittag mit ihrer XBox One verbringen. Schokolade, Gummibärchen oder Chips. Heute sind es die Chips, schön scharf mit vier Chilischoten auf der Tüte. Viel wichtiger als die Nascherei ist natürlich die Ruhe. Die Ruhe vor dem Sturm, wie Kathrin so gerne sagt. Emilia wird bis vier Uhr im Hort sein und die Jungs werden auch so um die gleiche Zeit von ihrer Oma abgeholt. Gut, dass meine Mutter noch arbeitet, sagt sich Kathrin manchmal. Wenn sie noch solange arbeite bis die Kleinsten aus dem Gröbsten raus sind, dann ginge das schon.

Nach etwa einer halben Stunde, als Kathrin gerade so schön in Fahrt ist, steht plötzlich ihr Mann neben ihr. Vor Schreck erstarrt, fragt sie sich, was er jetzt wohl sagen wird. Andreas ist fassungslos. Er zuckt mit den Schultern, schüttelt den Kopf und tigert von Tür zum Fenster und wieder zurück zur Tür. Schließlich sagt er: »Mir hast du gesagt, du würdest die ganze Zeit Bewerbungen schreiben und leider immer nur Absagen bekommen. Wer weiß, ob du dich überhaupt irgendwo beworben hast. Gehört habe ich jedenfalls etwas anderes und ganz offensichtlich stimmt das.« »Was hast du denn gehört?!«, fragt Kathrin mit zittriger Stimme. »Letzten Samstag habe ich zum ersten Mal deiner Mutter mal richtig zugehört und …« »Ach, meine gute Mutter!« »Ja, deine gute Mutter. Beinahe 60 Jahre alt, hat ihr Leben lang gearbeitet und wird das auch noch die nächsten Jahre tun. Genau die, die mir schon seit Jahren in den Ohren liegt, du würdest dich nicht gut um unsere Kinder kümmern.« »Ich kümmere mich sehr wohl um die!« »Halt deinen Mund und hör mir gefälligst zu«, schreit Andreas aus voller Kehle. »Und was heißt hier die?! Ich habe nicht nur mit deiner Mutter gesprochen, sondern auch mit Emilia …« »Ach, Emilia!« »Ja, deine Tochter Emilia. Dein eigenes Fleisch und Blut, das du auch mal schlägst, wie mir gerade vor ein paar Minuten die eine Erzieherin vom Kindergarten erzählt hat. Birgit oder Beate oder wie auch immer sie heißt. Sie hat heute erst wieder gesehen, wie du Emilia an die Schulter geboxt hast.« »Das war nichts«, entgegnet Kathrin. »Nein, wahrscheinlich schlägst du auch mal anders zu. Und …« »Und was, und was?!« Kathrin ist von der Couch aufgestanden und steht nun vor ihrem Mann, die Hände auf die Hüften gestemmt. »Ich habe auch mit den Jungs gesprochen. Sie würden ohne Frühstück das Haus verlassen. Sobald sie im Kindergarten sind, meinte die Erzieherin, würden sie schon nach dem 10 Uhr Frühstück fragen. Und heute hatte Leon wieder Kekse dabei, die ihm seine große Schwester mitgegeben hat und die er sich dann mit seinem Bruder geteilt hat.« Da begann Andreas zu weinen. »Ach, jetzt hör doch auf zu flennen und sei mal ein Mann!« »Ich hätte nie gedacht, dass mir das passiert.« »Ja, jetzt denkst du wieder nur an dich.« Kathrin verhöhnt ihren Mann und äfft sein Weinen nach. Belustigt lässt sie sich auf die Couch fallen und nimmt sich ein paar Chips. »Hör mal, Kathrin. Wenn du psychologische Hilfe brauchst, dann bekommst du sie.« »Was soll das denn jetzt?! Denkst du, ich habe eine Macke, nur weil ich nicht arbeiten gehen will?« Andreas schüttelt den Kopf. »Nein, Kathrin. Dass du nicht arbeiten gehen willst, ist dein kleinstes Problem. Ich rede hier von Vernachlässigung und Misshandlung.« »Aha, du hast dich wohl beraten lassen.« »Ja, das habe ich allerdings.« Da wird Kathrin auf einmal ganz ruhig und guckt ihren Mann erwartungsvoll an. Als dieser dann die Möglichkeit anspricht, neben einem Psychologen auch zu einem Eheberater gehen zu können, springt sie von der Couch auf und brüllt: »Du sagst mir nicht, was ich machen soll! Es wird alles schön so weitergehen wie bisher. Andernfalls schmeiß ich dich raus und du wirst deine Kinder nur noch am Wochenende sehen. Und ob du diesen Stress haben willst, das werden wir ja sehen. Jetzt, da ich wieder schwanger bin.« Andreas lächelt und nickt dabei. »Was grinst du so? Glaubst du nicht, dass ich ein Kind erwarte?« »Doch Kathrin, das glaube ich dir sofort.»

Unverkäufliche Texte von Doreen Gehrke. Die Verwendung dieser Texte, ob nun auszugsweise oder in vollem Umfang, ist ohne schriftlicher Zustimmung von Doreen Gehrke urheberrechtswidrig. Auch eine Übersetzung der Texte sowie die Verwendung in elektronischen Systemen ist strafbar.