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Anjas Tagebuch - Neverland / Textauszüge

Anjas Tagebuch - Neverland, E-Book, 12+
EPub 978-3-9816906-7-5
Kindle 978-3-9816906-8-2

Ostersonntag, 16.04.2017

… Auf der Speisekarte der Gaststätte, die übrigens ’Zum dicken Wirt‘ heißt, stand ’Osterhase satt‘. Da haben wir nicht lange überlegt und alle Kaninchen mit Klöße und Rotkohl bestellt. Heute Morgen habe ich noch die Eier gesucht, die der Osterhase um den See herum versteckt hatte, und mittags lag er auf den Tisch. So muss es sein. Ach, und die ganze 10er Packung Eier, die Papi ganz früh noch im Halbdunkel verteilt hat, die gab es dann für uns zum Frühstück. Bei so viel Eiweiß waren wir alle für den großen Osterspaziergang gestärkt und watschelten wie Enten durch den aufgeweichten, matschigen Boden der Uckermark. Dazu hatte jeder einen Regenschirm in der Hand und Oma Rita rezitierte Goethes Osterspaziergang aus ’Faust, Der Tragödie Erster Teil‘ – wenn ich mich richtig erinnere. Noch haben wir Goethes ’Faust‘ in der Schule nicht durchgekaut, und ich glaube, den kriegen wir erst in der zehnten Klasse. Aber scheint ganz interessant zu sein. Vor allem war es lustig, wie Oma Rita vom Erwachen der Natur philosophierte und dabei mit ihrem Regenschirm gegen Wind und Regen kämpfte. Als wir zurück in der Hütte waren, sahen unsere Schuhe dementsprechend aus. Ich hatte so viel Matsch an meinen Schuhen – man hätte meinen können, es wären die Füße von Big Foot. Bevor wir essen fahren konnten, mussten wir unsere Schuhe erst einmal putzen. Das hatte ein bisschen was vom Nikolaus, zu Ostern. Mutti war sogar noch duschen und hat ihr Outfit komplett gewechselt. Aber dann düsten wir entlang den Alleen zum Osteressen, wo wir bis zum späten Nachmittag blieben. Ja, ich muss zugeben, das war etwas peinlich. Mutti war das im Nachhinein auch unangenehm gewesen, wie sie uns zurück im Wagen mitteilte, als sie sagte, dass man eigentlich nicht so lange einen Tisch blockiert, selbst wenn man immer und immer wieder etwas bestellt. Aber, hey sch*** drauf. So viel Spaß hatten wir in Familie schon lange nicht mehr. Wenn ich da an die letzten Wochen denke.
Auf dem Heimweg … Ups, habe ich gerade ’Heimweg‘ geschrieben? Also, als wir zurück nach Neverland fuhren, gab Oma Rita an, sie könnte durchaus verstehen, dass man in der heutigen Arbeitswelt so einen Zufluchtsort gut gebrauchen kann. Dennoch wäre es ihr auf Dauer zu langweilig. Sie würde hier ihre Freunde vermissen. Und dann ging es los. Oma Rita erzählte von ihren vielen Unternehmungen gemeinsam mit ihren Mädels. Sie würden sich so oft treffen, dass sie in ihrer Küche einen großen Jahreskalender für ihre Planung an einer Wand hängen hat, damit sie den Überblick nicht verliere. Der Alkohol unterstützte Oma Rita in ihren Erzählungen zweifellos. Zum einen schien ihr Gequatsche kein Ende zu nehmen und zum anderen wiederholte sie sich ständig. …

Samstag, 15.04.2017

… Jedenfalls habe ich gestern Abend noch lange im Bett wachgelegen und über Muttis Charakterstärken nachgedacht. Ich bewundere sie, wirklich. Als sie ihr kleines Firmchen, wie Papi aus Spaß gerne sagt, gegründet hat, war sie ein großes Risiko eingegangen – ganz egal, ob es nun karrieremäßig besser war oder nicht. Es hätte auch schiefgehen können. Dass sie aber in die Selbstständigkeit gegangen ist, gerade als sie Mutter geworden ist, finde ich bemerkenswert. Keine Erfahrung als Mutter und keine Erfahrung als Unternehmerin, und auf einmal bricht alles auf einen ein, was neu ist. Nicht nur zu arbeiten, sondern organisatorisch alles zu managen und dabei seinem Kind noch das Gefühl geben, ihm würde es an nichts fehlen – denn es fehlte mir wirklich an nichts – das ist schlichtweg eine Meisterleistung. Und so viel Hilfe hatte Mutti ja auch gar nicht. Abends war Papi zu Hause. Okay, am Wochenende hatte er sich ganz für mich Zeit genommen, falls er keine Dienstreise gehabt hat. Aber insgesamt stand Mutti doch ziemlich alleine mit ihrem Firmchen da. Vielleicht wollte sie das auch so, kommt mir gerade in den Sinn. Du weißt erst, ob du etwas kannst, wenn du es alleine schaffst – das klingt ganz nach meiner Mutti. Ich finde es toll, meine Eltern als meine Vorbilder anzusehen, so weiß ich doch, dass viele Kinder das nicht von ihren Eltern behaupten können. …

Karfreitag, 14.04.2017

… Es ist der sechste Tag in Neverland, Karfreitag. Nach der peinlichen Begrüßung erfüllte eisige Stille Muttis Hundehütte. Wir saßen zu viert am Küchentisch und mir fiel auf, wie sich die Farben in Neverland geändert hatten. Es war eigentlich ein schöner Morgen, im Vergleich zu den Tagen zuvor. Sogar die Sonne zeigte sich. Licht fiel ins Haus und auf den Fensterbänken tanzte die Luft. Ich fand das irgendwie witzig und musste kurz lächeln. Papi bemerkte das, lächelte auch, rollte mit den Augen und neigte dabei seinen Blick zu Mutti. Dann konnte ich nicht widerstehen und brach das Schweigen. Ich fragte die beiden, wie es ihnen in Berlin die letzten Tage ergangen ist. Prompt antwortete Mutti, so schnell, als ob sie nur darauf gewartet hätte, dass jemand die Stille beendet. Sie berichtete vom schlechten Wetter in Berlin und dass sie deswegen keine Lust hatte, etwas auf der Dachterrasse zu machen. Aber sie hat vor, nach Ostern ein paar Kübel zu bepflanzen, die sie in die Ecken der Terrasse stellen möchte. Zudem überlegt sie noch, ob sie nicht vielleicht ein kleines Gemüsebeet an der dafür passenden Seite der Terrasse anlegt. Urban Gardening – seit einiger Zeit der Trend für Hobby-Gärtner. Muttis Augen funkelten richtig, als sie über ihre gärtnerischen Experimente sprach.
Aber dann kam es plötzlich zum Streit zwischen Mutti und Oma. Sie fragte Mutti, warum sie denn nicht vor ihrer Hundehütte einen Garten anlegen könnte. Schließlich hätte sie hier mehr Platz als auf der Dachterrasse. Da hat Oma Rita schon recht, aber darum geht es ja nicht. Ich schielte zu Papi, der resigniert auf sein Nutella-Brötchen guckte und sich vielleicht wünschte, dass es bei diesem Kommentar bleiben würde. Aber da schlug Mutti schon mit einer Faust auf den Tisch, stand auf und schrie Oma Rita an, sie würde ihr wieder alles kaputtmachen wollen. …

Donnerstag, 13.04.2017

… Am Vormittag sind wir zum nächsten Baumarkt gefahren. Oma Rita meinte, sie könne den tropfenden Wasserhahn in der Küche nicht mehr ertragen. Ich meine, Mutti wird ausflippen, wenn sie morgen eine von ihr nicht autorisierte Veränderung in ihrer Hundehütte feststellen wird. Sicher, hier und da muss einiges gemacht werden. Es ist ein altes Haus, das zuvor auch nicht ständig genutzt wurde. Leerstand kostet auch Geld. Ich glaube, das sagt man so. So schlimm wie sich das jetzt vielleicht anhört, ist es aber nicht. Neverland hat ein dichtes Dach, es gibt keinen Schimmel, und es ist warm und trocken. Zugegeben, die Einrichtung ist spartanisch und zu viert wird es morgen bestimmt auch zu voll werden. Dennoch, für die Ostertage reicht es in jedem Fall. Ich finde es hier jedenfalls toll und würde am liebsten die ganzen sechs Wochen Sommerferien hier verbringen, am liebsten alleine. Aber das wird wohl nichts werden. Wer überlässt schon eine 14-Jährige oder dann eben eine 15-Jährige ganz allein in einer Hütte am See irgendwo in der Pampa ihrem Schicksal, wo es kein Telefon gibt, keine medizinische Versorgung, außer das Erste-Hilfe-Päkchen neben der Spüle? Ich wünschte, ich könnte sagen meine Eltern. Aber diesen Gefallen werden sie mir ganz sicher nicht machen. Die letzten Sommerferien waren so schön gewesen. Ich glaube, ich habe noch nie so viel über irgendetwas nachgedacht oder überhaupt einfach nur so gedacht und meinen Gedanken gelauscht, als in diesen sechs Wochen. Wenn Schule ist, bin ich viel zu sehr abgelenkt, als dass ich mich auf mich selbst konzentrieren kann. Freie Tage sind doch einfach die schönsten!
Ich erzählte Oma Rita von meiner Challenge – eine Woche frei von jeglicher medialen Beschallung, besonders frei von den sozialen Medien. Und rate mal! Sie war begeistert. Mutti hatte ihr natürlich schon davon erzählt, aber als ich über meine Woche und meinen Eindrücken aus dieser Zeit sprach, war sie begeistert und wollte alles bis ins kleinste Detail wissen, gab dazu auch ihre Meinung über die digitale Welt, das digitale Leben zum Besten. …

Mittwoch, 12.04.2017

… Bin wieder da und völlig erschöpft. Zuerst sind wir tatsächlich nur so rumgefahren, was ganz in Ordnung gewesen wäre, hätte ich nicht das Kotzen gekriegt. Also, es war so. Ich stellte mir den Sitz, Beifahrerseite natürlich, so ein, dass ich halbwegs liegen konnte und schaute dabei zur Frontscheibe und beobachtete den Scheibenwischer, wie er sich taktvoll hin und her bewegte. Der Regen prasselte aufs Auto, manchmal so stark, dass sich zwischen dem Wischen immer ein Wasserfilm auf die Scheibe absetzen konnte, bis er zur Seite gewischt wurde. Das fand ich anfangs noch ganz witzig, solange bis wir die Allee entlangfuhren, die zu meinem neuen Lieblingsdorf führt. Oma Rita wollte dort wieder zu Mittag essen, und ich stellte mir schon vor, wie ich als Heranwachsende mit einem Teller Milchreis kämpfe und dann passierte es. Ich bat Oma Rita anzuhalten. Mir kam es vor, als würden die Baumkronen auf mich zurasen, meine Augen taten auf einmal weh und mein Magen krümmte sich zusammen. Ich habe noch gerade rechtzeitig die Tür aufmachen können, sonst hätte ich mich in Oma Ritas Wagen übergeben. Sie hat sich ziemliche Sorgen gemacht, wollte mich schon zu einem Arzt fahren oder am besten gleich ins nächste Krankenhaus – wo auch immer eins hier im Niemandsland ist. Ich bat Oma Rita das nicht zu tun, denn meine Eltern hätten davon erfahren und das wäre dann auf sie zurückgefallen, schließlich hat sie einer Minderjährigen Alkohol gegeben, selbst wenn es die eigene Enkelin war. Da lachte Oma Rita – so aus tiefstem Herzen, im Wind und bei peitschenden Regen, weit und breit war kein anderes Auto zu sehen. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, war das doch ganz witzig. …

Dienstag, 11.04.2017

… Ich wollte sie weiter über meine Eltern ausquetschen und fing während des Frühstücks auch gleich damit an. Oma Rita schätzt die Selbstdisziplin ihrer Tochter sehr und hält sie für ihre vielleicht beste Eigenschaft. Deshalb sei Mutti als Selbstständige auch so erfolgreich, und das wünsche sie sich auch für ihre Enkelin. Da hätte ich bei Müsli und Kakao beinahe ein paar Tränchen vergossen und konnte mich nur mit Mühe zusammenreißen. Selbstdisziplin besitze ich auch, aber so streng mit sich selbst zu sein wie Mutti das mit sich ist, bin ich bestimmt nicht, und ich habe auch nicht vor, so zu werden. Das habe ich ja bei meiner Bloggerei erlebt. Ich wollte nur mal probieren und Mutti wollte eine ganze Wissenschaft daraus machen. Man muss es ja nicht übertreiben. Ich bin eher der entspannte Typ.
Oma Rita lachte, als ich das sagte und erinnerte mich an mein aggressives Verhalten, das zugegeben von mir selbst gar nicht so wahrgenommen wurde. Ich glaube, das ist MEINE große Schwäche – nicht wahrzunehmen, wie ich auf andere wirke. Na toll!
Als ich Oma Rita fragte, wie ich denn überhaupt nicht werden sollte, antwortete sie, auf keinen Fall wie diese Bumerang-Kids. Überrascht? Ich zumindest hatte diesen Ausdruck noch nie gehört – Bumerang-Kids. Das seien junge Erwachsene, die nach gescheitertem Berufseinstieg oder bei Abbruch des Studiums oder der Berufsausbildung zurück zu ihren Eltern ziehen. Dort, wo es vor Entscheidungen sicher sei. Dort, wo man sich vor Verantwortung verstecken kann.
Da platzte es plötzlich aus mir heraus und ich sagte, dass Kinder ja nur zurück in ihre Kinderzimmer ziehen würden, wenn sie in einem Zuhause aufgewachsen wären, wo ihnen vieles abgenommen worden ist, wenn nicht sogar alles. Oma Rita guckte mich richtig erstaunt an, überlegte intensiv – das sah man ihr richtig an – und sagte dann, ich würde bestimmt Psychologie studieren. Ich lachte, weil ich eher an Photographie oder Architektur dachte, wenn ich denn mal einen Gedanken an meine Zukunft verschwendet habe. Ich bin ja noch nicht mal 15 Jahre alt. Aber bald – daran denke ich in jedem Fall. …

Montag, 10.04.2017

Mein liebes Tagebuch ...
Oma Rita und ich sind gerade vom Einkaufen gekommen. Das Wetter ist sch***. Die ganze Woche soll es regnen, sogar stürmen soll es. Wir waren erst relativ spät zum nächsten Supermarkt losgefahren, oder Frischemarkt, wie es hier heißt und kehrten deshalb zum Mittagessen in eine kleine, niedliche Gaststätte ein, die einen ziemlich guten Mittagstisch anbietet. Also ehrlich, ich war begeistert und das passiert mir, wenn es ums Essen geht, nicht besonders oft. Aber du hättest Oma Ritas Reaktion und vor allem ihre Kommentare erleben sollen. Sie erzählte über das viele schlechte Essen, das sie und ehemalige Kollegen manchmal zu sich nehmen mussten. Immer wenn sie ein Arrangement an einem Theater außerhalb von Hamburg hatte, wohnte sie in den heruntergekommensten Pensionen, die sie finden konnte, um möglichst viel von ihrer Gage behalten zu können. Da sparte sie auch bei den lebenserhaltenen Maßnahmen, wie sie es nannte, und ging nur an Imbissen essen oder kaufte sich Brötchen, Butter und Zucker und schmierte sich ihre Tagesrationen selbst. Ich weiß, hat was von Nachkriegsgeneration, aber zu recht. Theater woanders als Zuhause zu spielen, bedeutete immer mehr Kosten, denn die Ausgaben zu Hause wurden ja nicht weniger. Darunter hatte die Gesundheit immer zu leiden, erklärte sie. Das war sehr interessant, und ich musste dabei an Mutti denken. Denn anders als Papi und seine Kollegen, bekommt Mutti keine Spesen ausgezahlt, wenn sie eine Dienstreise hat. Als Selbstständige wird sie das alles selbst zahlen müssen. Das heißt, ich weiß nicht, wie das mit den Steuern ist, aber ich glaube, sie kann da was abrechnen. Dennoch, einmal war sie irgendwo in Brandenburg unterwegs, und es war auch gar nicht so weit weg von Berlin, aber es war ihr zu spät, um nach Hause zu fahren und so quartierte sie sich für eine Nacht in einer Pension ein. Ich erinnere mich, wie sie am Tag darauf zu Papi sagte, dass sie das nicht öfters machen könne. Da meinte sie bestimmt die Ausgaben, die sie nicht eingeplant hatte. Ich kann mir auch vorstellen, dass das eine teure Unterkunft war, denn Mutti ist nicht der Typ wie Oma Rita, die in irgendeiner Absteige übernachtet.
Oh, es hat aufgehört zu regnen. Die Pause will ich nutzen, um Oma Rita mal die Gegend zu zeigen. Mal sehen, wie wir danach aussehen werden – niemand von uns hat Gummistiefel mit. Bis später. …

Sonntag, 09.04.2017

… Der große Streit mit meinen Eltern war letzten Sonntag, nachdem sie meinen Beitrag über das Einstellen von »Anja`s Diary« gelesen hatten.
Mitte Februar gab es diesen Termin bei der Direktorin, von dem ich dir beim letzten Mal geschrieben habe, dass er stattfinden wird. Dort waren meine Eltern echt cool drauf gewesen. Vielleicht genau so, wie sie sich jedes Kind gerne wünscht. Sie hatten mir den Rücken gestärkt, mich in Schutz genommen – sie waren mein Fels in der Brandung. Die Direktorin und die anderen geladenen Lehrer hatten keine Chance. Zum einen habe meine Deutschlehrerin mich mehrmals vor der Klasse gedemütigt und zum anderen sei es ein Skandal, dass man offensichtlich – wie im Geschichtsunterricht geschehen – die Meinungsfreiheit in diesem Land ignoriert und einer Schülerin eine rechte Gesinnung unterstellt, weil sie nicht der Meinung des Lehrers ist. Innerlich habe ich gelacht, und sicher deswegen auch so frech geantwortet, als die Direktorin von mir wissen wollte, wie wir denn nun alle in dieser Sache weiter verfahren wollen. Ich erklärte, dass ich ja immer nur auf die Unverschämtheiten der Lehrer reagiere und nicht von selbst aus einfach so »entgleisen« würde. Also sollte man mich vielleicht doch einfach in Ruhe lassen. Und dann setzte ich noch einen drauf und sagte, dass ich mit den Schülern ja kein Problem hätte und die auch nicht mit mir. Da zog die »Gegenseite« vielleicht eine Schnute, wie Mutti die Direktorin und die anderen Lehrer nannte. Zum Niederknien komisch. Selbst auf dem Nachhauseweg habe ich meinen Eltern nicht anmerken können, dass sie böse mit mir wären und sich nur zum Schein für mich eingesetzt hätten. Deshalb kann ich mir das »Entgleisen« der beiden am letzten Sonntag einfach nicht erklären. Ich verstehe auch nicht, was generell so schlimm daran sein soll, seinen Blog einzustellen, ganz egal wie man das macht. Das war und ist doch allein meine Entscheidung! …

Sonntag, 12.02.2017

… In der letzten Woche habe ich dir geschrieben, dass es ein großer Fehler war, meinen Eltern von meinem Blog zu erzählen. In den letzten Tagen gab es deswegen noch mal einen riesen großen Streit. Aber nicht mit Papi, mit dem ich ja eher zusammenrassel. Nein, es knallte zwischen mir und Mutti. Das hatte sich in der letzten Woche auch schon irgendwie angekündigt. Jetzt zurückblickend empfinde ich das jedenfalls so. Sie kam mir wieder mit ihren vielen Ideen. Das hörte sich aber so gar nicht nett gemeint an, wie sie dann natürlich betonte, als wir uns stritten. Nein, ich hatte das Gefühl, dass Mutti mir ganz direkt sagen wollte, was ich auf meinem Blog veröffentlichen solle, ja sogar, wie das Layout aussehen müsse. Und was mich am meisten aufregte, war, dass mein Blog unbedingt erfolgreich werden müsse. Sie fand, da es etwas Öffentliches sei, also weil ja eigentlich die ganze Welt, zumindest theoretisch also jeder alles lesen und sehen könne, was ich da präsentiere, müsse ich aufpassen, dass ich mich damit nicht blamiere. »Bei Dingen, die langfristig vorbereitet werden können, wäre es peinlich, wenn diese schlecht gemacht sind. Damit kannst du dich ziemlich blamieren. Und vergiss nicht – es bleibt in den Köpfen der Leute.« In etwa so hörte sich das an. Ja gut, dann blamiere ich mich eben. Aber man muss doch auch mal auf die Schnauze fallen, um es mal ganz direkt zu beschreiben. Wie soll man sonst erwachsen werden? Fehler gehören doch dazu, oder nicht? Ich meine, ich bin 14 Jahre alt. Selbst wenn ich von allen Seiten höre: »Anja, du wirkst aber schon ganz schön erwachsen für dein Alter.« Dann muss ich es aber noch lange nicht sein, und ehrlich gesagt, möchte ich das auch gar nicht sein. Ich sehe mich eher so, dass ich jemand bin, der seine Ruhe haben möchte und jemand, der, ja, in Ruhe erwachsen werden möchte und zwar auch so, wie ich es mir vorstelle – mit Fehlern und nicht ohne. Was den Streit angeht, sind wir beide dann auch ohne Entschuldigung auseinandergegangen und haben seitdem nicht mehr darüber gesprochen, oder über etwas anderes. Morgens ein »Guten Morgen« und abends ein »Dann bis morgen«. Als Mutti und ich gestern Oma Hilde besuchten, sind wir sogar getrennt angereist. Angereist – das klingt, als ob Oma Hilde weit entfernt wohne. Ich hatte aber auf eine Autofahrt voller Schweigen keine Lust und meinte, noch mal in die Bibliothek zu müssen und wäre dann mittags dort. Das war gelogen und auch nicht. In die Bibliothek gehe ich ein- bis zweimal in der Woche. Entweder ich muss etwas für die Schule recherchieren, oder ich möchte einfach nur so dort sein, weil ich die Atmosphäre zwischen so vielen Büchern und so viel Wissen ganz toll finde. So richtig erklären, kann ich das aber auch nicht. Das ist wohl eine dieser Geschichten, die man nur so empfindet und in die man für sich selbst nicht mehr hinein interpretieren muss. …

Sonntag, 05.02.2017

… Huch, ein schlechter Erinnerungsfetzen. Ja, ein Fetzen muss reichen. Ist ja manchmal auch mehr als genug. Jedenfalls war es in einem Kunstmuseum geschehen, oder auch keinem Kunstmuseum, aber in einem Museum mit vielen Bildern an den Wänden. Und was mich so aufgeregt hat? Neben den Bildern hatte man Glastafeln an die Wand geschraubt, auf denen in langen und vielen Sätzen erklärt stand, was der Maler mit den Bildern ausdrücken möchte. Das ging mir auf die Nerven. Es ist doch meine Entscheidung, was ich über ein Bild denke, oder nicht? Habe ich nicht schon mal darüber geschrieben? Ach, da ging es um Gedichtinterpretation oder generell dem Interpretieren von Texten im Deutschunterricht. Ich finde einfach, dass im kreativen Bereich, dem Leser und dem Betrachter selbst überlassen werden sollte, welchen Eindruck er oder sie von dem Kunstwerk hat. Und ich schreibe hier bewusst Kunstwerk und schließe Texte damit ein, weil Literatur auch Kunst ist. Ja, da bin ich mir ganz sicher. Meine Gedanken sind frei.
Ja, klar, Anja das Sensibelchen. Aber wie könnte man diesen Blog beschreiben, den ich jetzt schon ansatzweise im Kopf habe? Ach, ist das überhaupt wichtig? Muss ich denn immer planen und alles bis ins kleinste Detail umsetzen, so wie ich es mir vorgestellt habe? Das ist doch so gezwungen und überhaupt nicht frei. Ich glaube, wenn ich kreativ sein möchte, sollte ich meiner Kreativität einfach selbst die Zügel überlassen. Oder nicht? Aber wie wäre das? Ich setze mich vor meinem Schreibtisch, lege ein Blatt Papier vor mir hin, nehme einen Stift in die Hand und dann geht es einfach los? Soll das so einfach sein? Wie ein Schnappschuss mit der Kamera? Ja, wieso nicht? Da überlege ich ja auch nicht lange. Mir gefällt, was ich sehe und schieße es ab. Beim Malen und Zeichnen werde ich das Bild einfach vor meinem geistigen Auge haben und es dann mit meinem Pinsel oder Stift »abschießen«. Ich denke, ich sollte es einfach mal probieren. Aber erst einmal gibt es Abendbrot. Also, bis gleich. …

Sonntag, 22.01.2017

Mein liebes Tagebuch ...
noch fünf Tage bis zur Zeugnisübergabe und dann nichts wie weg nach Neverland. Wir wollen dort bis zum 5. Februar bleiben und die kurze Zeit voll auskosten. Na ja, Papi wird zwischendurch ab und zu nach Berlin fahren, weil er und seine Kollegen ein neues Projekt begonnen haben und die Planungsphase, wie er es nannte, wohl immer am wichtigsten ist. Aber Mutti hat schon gesagt, dass sie keine zehn Pferde nach Berlin bringen, selbst wenn ihr Büro in Flammen stehen oder ein Rohrbruch alles überschwemmen würde.
Und weißt du, was das Beste ist? Wenn ich am Freitag gegen 10.30 Uhr der Schule den Rücken kehre, warten Mutti und Oma Hilde schon draußen im Auto auf mich. Das Café Kranzler am Kurfürstendamm hatte im Dezember seine Wiedereröffnung und Oma Hilde konnte leider nicht dabei sein. Deshalb wollen wir jetzt mal vorbeischauen. Damals war Oma Hilde so sehr mit ihrem Umzug beschäftigt, dass sie sich zu keinem Besuch überreden lassen wollte. Für alte Leute ist es sicher anstrengend, ihre Wohnung zu verlassen, in der sie vielleicht viele Jahre gelebt haben und in der ihre Kinder groß geworden sind. Ich stelle mir vor, wie sie auf ihrer Couch gesessen und ihre Listen gemacht hat. Und Oma Hilde hatte wirklich viele Listen. Damit sie ganz genau Bescheid wisse, was mit in die neue Wohnung kommt, was an Freunde und Nachbarn verteilt wird und was zum Schluss weggeschmissen werden soll, wie sie uns erklärte. Aber vielleicht war es auch besser gewesen, diese Wiedereröffnung sausen zu lassen, denn die Kritiken waren nicht die besten. Oma Hilde hat das natürlich mitbekommen, schließlich hat sie gleich drei Berliner Zeitungen abonniert. Da standen in der Berliner Zeitung, Berliner Morgenpost und im Berliner Kurier Einzelheiten von diesem Schicksalstag, die sie nächtelang nicht schlafen ließen, so meinte Oma Hilde. Man hätte nicht an die Tradition des berühmtesten Kaffeehauses Berlins gedacht, die Einrichtung wäre nur spartanisch gewählt worden und das Schlimmste – es gäbe keine Kännchen mehr. Freunde von Oma Hilde waren schon dort gewesen und seien sehr enttäuscht über die Veränderungen. Es hätte nichts mehr mit dem Kranzler von früher zu tun. »Alles soll dem Erdboden gleich gemacht worden sein. Zu doof, Tradition mit der neuen Zeit zu verbinden, diese jungen Vollidioten von heute!«, schäumte Oma Hilde. So wütend habe ich sie noch nie erlebt. Aber ich muss zugeben, dass mir das gefallen hat. Sie kam mir richtig menschlich vor. Zuvor war sie nämlich ganz anders drauf, so kontrolliert und kalt. Entweder es hat mit dem Umzug zu tun. Da war sie emotional ziemlich unausgeglichen. Oder es liegt daran, dass sich manchmal Menschen in ihrem Wesen ändern, wenn sie ins hohe Alter kommen. Wir werden ja sehen, wie sich Oma Hilde so macht und wie es ihr in ihrer neuen Umgebung gehen wird. Aber erst einmal fahren wir am Freitag zum Café Kranzler. Und sollte es so sein, dass uns junge Hipster oder junggebliebene Möchtegernhipster oder was auch immer für Typen, die sich wichtig vorkommen, im Wege stehen werden, weil sie in langen Schlangen auf ihre supermodernen Kaffeemischungen warten müssen – denn in Schlangen zu stehen, ist ja heute auch total angesagt –, dann werde ich mit brachialer Gewalt meiner Oma Platz schaffen, damit sie vernünftig an einem Tisch sitzen, ihr fettes Stück Torte genießen, und zwar MIT Kännchen Kaffee, und gefälligst in Ruhe auf den Ku`damm gucken kann. Und wehe nicht!!!!!!!!!! …

Sonntag, 15.01.2017

… Im Moment haue ich immer wieder solche Dinger raus. Also Sätze, die mir einfach entgleiten und über die ich mir keine Gedanken mache. Auf die Idee, dass meine Worte vielleicht jemandem wehtun könnten, komme ich einfach nicht. Wie zum Beispiel an diesem Mittwochmorgen beim Eiskratzen. Mutti und ich waren so vertieft bei der Sache, dass wir gar nicht bemerkten, wie plötzlich jemand hinter uns stand. Ich erschrak, als der Typ lallte: »Ja, ja, ganz schön vereist.« Dazu hat er auch noch gestunken und sah aus, als wäre er gerade jemanden oder etwas von der Schippe gesprungen. Alles zusammen hat mich so wütend gemacht, dass ich sagte: »Ja, Opa. Geh mal einen saufen. Dann wird dir schon wieder warm ums Herz.« Der Mann nickte nur und ging seiner Wege. Aber Mutti kochte vor Wut. Sie meinte, ich solle mir erst mal mehr Menschenkenntnis aneignen, bevor ich über andere urteile. Das hat mich bis zur großen Pause beschäftigt. Ich erzählte Julia davon und im Moment des Erzählens ging mir schließlich ein Licht auf. Der Mann sah zwar aus wie ein Schwein, aber sein Verhalten war es ganz und gar nicht. Sicher wollte er nur einen kurzen Moment Gesellschaft haben und weil man als Obdachloser, wenn er denn überhaupt einer war, meistens nur unter seines Gleichen ist (Ja, ich weiß, das hört sich schlimm an), weiß man wahrscheinlich nicht so richtig, wie man jemanden anspricht. Julia hat mir zur Aufmunterung ihren Snickers gegeben. So habe ich dann auch diesen Schultag geschafft. …

Sonntag, 08.01.2017

… Irgendwann bemerkte ich aber Muttis konzentrierten Gesichtsausdruck. Sie hatte schlichtweg abgeschalten und war in ihrer eigenen Welt. Darüber dachte ich natürlich nach, und ich glaube, meine Eltern, Papi ja mehr als Mutti, aber eben beide machen sich so ihre Gedanken über Omas Tod und wie sie damit umgehen werden. Oma ist fit wie ein Turnschuh und hat sich sogar auf den Umzug in die Seniorenresidenz gefreut. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie bald sterben wird. Aber es ist eben genau diese Veränderung, die Papi so zu schaffen macht. Er hat einfach Angst, dass es bald zu einer weiteren Veränderung kommen wird, nämlich diese von der er sprach, die immer ganz schnell geschehen soll, wenn man alte Leute ins »Totenheim« bringt.
Oma kann sicher am besten von uns mit dem Thema »Tod« umgehen. Das macht einfach das Alter. Je älter man wird, desto besser versteht man, dass der Tod mit zum Leben gehört. Ich kann mir das gar nicht vorstellen. Unfälle geschehen immer, Krankheiten können einem wortwörtlich das Leben zu schaffen machen. Aber das sind alles Dinge, an die man erst denkt und mit denen man sich erst auseinandersetzt, wenn es soweit ist. Aber der Tod? An den Tod denkt man als gesunder Mensch doch erst, wenn man irgendwann in einem Alter ist, in dem man ihn erwarten kann und sich dann vielleicht tatsächlich fragt: »Nun Hilde, wie sieht`s aus? Bist du bereit? Es könnte bald soweit sein.« …

Sonntag, 01.01.2017

… Das war so schön! Ich habe nicht mal ein schlechtes Gewissen, weil mir dieses entspannte Leben so gutgetan hat. Aus keinem Urlaub zuvor konnte ich so viel Kraft schöpfen wie aus den Tagen am See, irgendwo in der Uckermark. Sicher, ich könnte dir hier schreiben, wo genau wir uns vor der Welt da draußen versteckt hielten. Aber stelle dir vor, irgendjemand klaut dich mal und liest dann von unserem geheimen Ort. Denn genau das ist er oder ist er geworden – zu unserem Versteck, das Mutti noch im Sommer, na ja dann im Spätsommer, vom Besitzer oder eben jetzt Vorbesitzer gekauft hat. Ich habe auch gestaunt. Nicht, dass sie dieses schnuckelige Ferienhaus nicht ihr Eigen nennen wollte. Nein, bereits am zweiten Tag meinte sie, so einen Zufluchtsort unbedingt haben zu müssen. Da hatten Papi und ich noch gelacht. Aber als wir zurück in Berlin waren, setzte sie sofort alle Hebel in Bewegung, um dieses »Loch«, wie Oma es nannte, ohne es je gesehen zu haben, von Opas vererbten Geld zu kaufen.
Sind die Sätze schon zu lang und verschachtelt, oder geht`s noch? Okay.
Vielleicht ist Oma auch einfach nur sauer, weil Mutti das Geld für eine »einfache Hütte« irgendwo im nirgendwo ausgegeben hat und nicht für ihre Altersvorsorge spart. In der Uckermark sei der Hund begraben, kein Mensch bei klarem Verstand würde dort leben wollen, geschweige denn sterben. Außerdem könne sie diese »Hundehütte« nie gewinnbringend veräußern, weil niemand, außer wir, am Ar*** der Welt sein will. Nein, alle wollen rein nach Berlin. Und genau das ist es, sagte Mutti. Wir wollen raus, zumindest ab und zu. …

Unverkäufliche Texte des Doreen Gehrke Verlags. Die Verwendung dieser Texte, ob nun auszugsweise oder in vollem Umfang, ist ohne schriftlicher Zustimmung des Doreen Gehrke Verlags urheberrechtswidrig. Auch eine Übersetzung der Texte sowie die Verwendung in elektronischen Systemen ist strafbar.