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Anjas Tagebuch - Neverland / Textauszüge

Anjas Tagebuch - Neverland, E-Book, 12+
EPub 978-3-9816906-7-5
Kindle 978-3-9816906-8-2

Sonntag, 01.01.2017

… Das war so schön! Ich habe nicht mal ein schlechtes Gewissen, weil mir dieses entspannte Leben so gutgetan hat. Aus keinem Urlaub zuvor konnte ich so viel Kraft schöpfen wie aus den Tagen am See, irgendwo in der Uckermark. Sicher, ich könnte dir hier schreiben, wo genau wir uns vor der Welt da draußen versteckt hielten. Aber stelle dir vor, irgendjemand klaut dich mal und liest dann von unserem geheimen Ort. Denn genau das ist er oder ist er geworden – zu unserem Versteck, das Mutti noch im Sommer, na ja dann im Spätsommer, vom Besitzer oder eben jetzt Vorbesitzer gekauft hat. Ich habe auch gestaunt. Nicht, dass sie dieses schnuckelige Ferienhaus nicht ihr Eigen nennen wollte. Nein, bereits am zweiten Tag meinte sie, so einen Zufluchtsort unbedingt haben zu müssen. Da hatten Papi und ich noch gelacht. Aber als wir zurück in Berlin waren, setzte sie sofort alle Hebel in Bewegung, um dieses »Loch«, wie Oma es nannte, ohne es je gesehen zu haben, von Opas vererbten Geld zu kaufen.
Sind die Sätze schon zu lang und verschachtelt, oder geht`s noch? Okay.
Vielleicht ist Oma auch einfach nur sauer, weil Mutti das Geld für eine »einfache Hütte« irgendwo im nirgendwo ausgegeben hat und nicht für ihre Altersvorsorge spart. In der Uckermark sei der Hund begraben, kein Mensch bei klarem Verstand würde dort leben wollen, geschweige denn sterben. Außerdem könne sie diese »Hundehütte« nie gewinnbringend veräußern, weil niemand, außer wir, am Ar*** der Welt sein will. Nein, alle wollen rein nach Berlin. Und genau das ist es, sagte Mutti. Wir wollen raus, zumindest ab und zu. …

Sonntag, 08.01.2017

… Irgendwann bemerkte ich aber Muttis konzentrierten Gesichtsausdruck. Sie hatte schlichtweg abgeschalten und war in ihrer eigenen Welt. Darüber dachte ich natürlich nach, und ich glaube, meine Eltern, Papi ja mehr als Mutti, aber eben beide machen sich so ihre Gedanken über Omas Tod und wie sie damit umgehen werden. Oma ist fit wie ein Turnschuh und hat sich sogar auf den Umzug in die Seniorenresidenz gefreut. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie bald sterben wird. Aber es ist eben genau diese Veränderung, die Papi so zu schaffen macht. Er hat einfach Angst, dass es bald zu einer weiteren Veränderung kommen wird, nämlich diese von der er sprach, die immer ganz schnell geschehen soll, wenn man alte Leute ins »Totenheim« bringt.
Oma kann sicher am besten von uns mit dem Thema »Tod« umgehen. Das macht einfach das Alter. Je älter man wird, desto besser versteht man, dass der Tod mit zum Leben gehört. Ich kann mir das gar nicht vorstellen. Unfälle geschehen immer, Krankheiten können einem wortwörtlich das Leben zu schaffen machen. Aber das sind alles Dinge, an die man erst denkt und mit denen man sich erst auseinandersetzt, wenn es soweit ist. Aber der Tod? An den Tod denkt man als gesunder Mensch doch erst, wenn man irgendwann in einem Alter ist, in dem man ihn erwarten kann und sich dann vielleicht tatsächlich fragt: »Nun Hilde, wie sieht`s aus? Bist du bereit? Es könnte bald soweit sein.« …